"EIN MUSEUM MIT  TOTEN JUDEN ALS EXPONATEN"


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Der Genozid an den Zigeunern und die NS-„Euthanasie“ waren nicht die einzigen Verbrechen, an denen Mediziner und Humanwissenschaften sich während der NS-Herrschaft beteiligten und mitwirkten.


Bereits 1960 begannen die Untersuchungen gegen Dr. rer. nat. Bruno Beger (ehedem SS-Hauptsturmführer), Privatdozent Dr. Hans Helmut Fleischhacker (Angehöriger der Waffen-SS) sowie gegen den kaufmännischen Angestellten Wolf-Dietrich Wolff (SS-Obersturmführer). Alle drei wurden beschuldigt, sich zwischen 1941 und 1943 mit einer „seltsamen Skelettsammlung“ befasst zu haben.


"Das Äußerste, dessen Ärzte fähig waren"

Der SS-Anthropologe Bruno Beger,
Der SS-Anthropologe Bruno Beger, 59, (re) vor der Urteilsverkündung mit seinem Verteidiger, RA Fritz Steinacker, 6. April 1971.
Fotograf: Manfred Rehm
©picture alliance /dpa

Im Anatomischen Institut der Reichsuniversität Straßburg, so urteilte der Politikwissenschaftler Raul Hilberg über die Geschehnisse, geschah 1943 „das Äußerste, dessen deutsche Ärzte fähig waren“. Beger und Fleischhacker hatten in Auschwitz bei der Auswahl der für eine „jüdische Schädel- und Skelettsammlung“ bestimmten Häftlinge mitgewirkt, Beger zugleich als Leiter der Untersuchungsgruppe und Miturheber des Projekts, Wolff als persönlicher Referent des Geschäftsführers der SS-Organisation „Das Ahnenerbe“, Wolfram Sievers (1905-1948).

Die Wissenschaftsorganisation „Ahnenerbe“ (eine Initiative des Marburger Frühhistorikers Prof. Dr. Hermann Wirth, der dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler den Vorschlag machte, eine Einrichtung zur germanischen Frühkunde zu gründen) hatte das Projekt für Propagandazwecke der Reichsuniversität übertragen. Seit 1938/39 war Himmler Präsident der "Forschungs- und Lehrgemeinschaft 'Das Ahnenerbe'" und löste damit Prof. Dr. Walther Wüst ab, Indologe, seit 1935 Dekan der Philosophischen Fakultät und seit 1941 Präsident der Universität München, der fortan als Kurator fungierte und 1942, als das "Ahnenerbe" dem persönlichen Stab des Reichsführer-SS unterstellt wurde, zum Amtschef ernannt wurde.

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Dr. Bauers Anschuldigungsschrift

Die 108-seitige Anklageschrift (Js 8/66 GStA), die Generalstaatsanwalt Dr. Bauer am 8. Mai 1968 nach jahrelangen Ermittlungen erhob, enthüllte das grausame Geschehen als perverse Tat: „Ein Museum mit toten Juden als Exponaten“. Die Anschuldigung lautete, dass die drei SS-Führer in Kenntnis des Zwecks und der näheren Tatumstände an der Tötung von 115 Häftlingen des KZ Auschwitz im KZ Natzweiler durch Blausäure mitgewirkt hatten, "zum Zwecke der Aufstellung einer Schädel- und Skelettsammlung für das Anatomische Institut der 'Reichsuniversität Straßburg'" (S. II). Das Anatomische Institut unter Leitung von Prof. Hirt - er beging im Juni 1945 Selbstmord - unterhielt auf Veranlassung Himmels im KZ Natzweiler eine Versuchsstation mit Lost (flüssiger Kampfstoff). 

Die Angeklagten B. Berger (1911-2009) und Prof. H. Fleischhacker (1912-1992), Oktober 1970 © picture alliance / Keystone Archives
Die Angeklagten B. Berger (1911-2009) und Prof. H. Fleischhacker (1912-1992), Oktober 1970
© picture alliance / Keystone Archives

Der Vorschlag zu der Skelettsammlung stammte laut Anschuldigungsschrift von Dr. Beger, der ihn bald nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion vorlegte, der Auftrag ging auf Himmler zurück. Die Angeschuldigten, so die Anklageschrift (die wie im Auschwitz-Verfahren argumentierte), verfolgten einen gemeinsamen Plan und ein gemeinsames Ziel: die Tötung der Häftlinge zwecks Verwertung ihrer Schädel und Skelette. Beger war mit Hirt der Initiator, er traf zusammen mit Dr. Fleischhacker die Auswahl der  Häftlinge in Auschwitz und Fleischhacker nahm die Vermessungen vor. Wolff erledigte die verwaltungstechnischen Fragen und beschaffte das Gas für die Ermordung der Häftlinge in Natzweiler. Die Anklage erging wegen Mordes: "Die Angeschuldigten haben bei diesem mehrfachen Mord als Mittäter mitgewirkt."

Alles verlief, wie Hans-Joachim Lang recherchierte, nach Plan, nur dass nicht 115 und nicht 150 Häftlinge, sondern 86 im Gas erstickt wurden und danach im Keller der Straßburger Anatomie konserviert wurden. Als die Alliierten im Herbst 1944 näher rückten, wurden die Leichen im Krematorium verbrannt. (H.-J. Lang, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 68, 21. März 1998).

Der Eröffnungsbeschluss des Gerichts (gegen Dr. Fleischhacker) stammt vom 26. Januar 1970, das Hauptverfahren wurde gegen alle drei Angeschuldigten eröffnet.

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Das Urteil

Die Anschuldigungsschrift vom 8. Mai 1968 war, was niemand ahnte, die letzte, die Generalstaatsanwalt unterzeichnen sollte. Knapp drei Jahre später, am 6. April 1971 endete Fritz Bauers letzter Fall: Das Verfahren gegen den Beschuldigten Wolff wurde wegen Verjährung eingestellt, bereits einen Monat vorher, am 5. März 1971, wurde Dr. Fleischhacker von der Beihilfe zum Mord freigesprochen. Die Begründung lautete, dass ihm nicht nachgewiesen werden konnte, dass er bei der Selektion der Häftlinge in Auschwitz vom Zweck der Untersuchungen - dem Tötungsplan - gewusst habe. Daher liege eine "strafbare Beihilfe zum Mord nicht vor".

Dr. Beger wurde wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord zur Mindeststrafe von drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, allerdings nicht als (Mit-)Urheber der „jüdischen Skelettsammlung“. Die Untersuchungshaft wurde angerechnet. Im Hinblick auf das Gesamtgeschehen urteilten die Richter: Mörder der 86 Häftlinge waren Himmler und Prof. August Hirt, der Leiter der Anatomie in Straßburg, die an der Erstellung der „Sammlung“ persönlich interessiert waren. Hirt hatte sich im Jahr 1945 das Leben genommen.

Eine Einstellung, ein Freispruch und eine Mindeststrafe -
als hätte es keine Verantwortlichen für die NS-Medizin gegeben

   
Ludwigsburger Kreiszeitung
28. Oktober 1970
  Frankfurter Allgemeine Zeitung
28. Oktober 1970
  Stuttgarter Nachrichten
7. April 1971

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Gedenken an die Opfer

Dem Tübinger Journalisten und Politikwissenschaftler Hans-Joachim Lang gelang es 2004, den Opfern der Nazi-Mediziner ihre Namen nach jahrelanger akribischer Recherche zurückzugeben. Er publizierte die Lebensgeschichten unter dem Titel "Die Namen der Nummern" und veröffentlichte eine Webseite, auf der die Kurzbiographien nachlesbar sind. Auf dem jüdischen Friedhof von Straßburg wurde 2005 ein Grabstein errichtet.



Archive

Online-Bestand des Bundesarchivs über die Forschungs- und Lehrgemeinschaft SS-Ahnenerbe: NS 21, 1865-1945, Berlin, Datenbank über Schriften, Aktionen und Korrespondenz 


Literatur

Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden. Bd. 2. Frankfurt am Main: Fischer TB, 1990 (Orig. 1961).

Michael H. Kater, Das "Ahnenerbe" der SS 1935–1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches. München: Oldenbourg, 2. erg. Auflage 1997 (Studien zur Zeitgeschichte, Band 6); 4. Aufl. 2006.

Friedrich Karl Kaul, "Das 'SS-Ahnenerbe' und die 'jüdische Skelettsammlung' an der ehemaligen "Reichsuniversität Straßburg'", in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 16 (1968), H. 11, S. 1460-1474.

Hans-Joachim Lang, Die Namen der Nummern. Wie es gelang, die 86 Opfer eines NS-Verbrechens zu identifizieren. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2004; Frankfurt am Main: Fischer-TB, 2007. H.-J. Lang konnte den Opfern ihre Namen nach fünfjähriger Recherche „zurückgeben“ und erhielt dafür den „Preis der Brüsseler Fondation Auschwitz 2003/2004“.  

Julien Reitzenstein, Himmlers Forscher. Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im 'Ahnenerbe' der SS. 1. Auflage. Paderborn: Schöningh, 2014.

Sabine Schleiermacher, "Die SS-Stiftung 'Ahnenerbe'. Menschen als Material für 'exakte Wissenschaft'", in: Rainer Osnowski (Hrsg.), Menschenversuche. Wahnsinn und Wirklichkeit. Köln: Kölner Volksblatt, 1988, S. 70-87.

Irmtrud Wojak, "Das 'irrende Gewissen' der NS-Verbrecher und die deutsche Rechtsprechung. Die 'jüdische Skelettsammlung' am Anatomischen Institut der 'Reichsuniversität Straßburg'", in: Fritz Bauer Institut (Hrsg.), „Beseitigung des jüdischen Einflusses...“. Antisemitische Forschung, Eliten und Karrieren im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main, New York: Campus, 1999, S. 101-130.

Irmtrud Wojak. Fritz Bauer 1903-1968. Eine Biographie. Neuauflage, München: BUXUS EDITION, 2016.

Weblinks

http://www.die-namen-der-nummern.de/index.html (Webseite von Hans-Joachim Lang, 2004-2008)
 

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