NATIONALSOZIALISTISCHE MEDIZIN VOR GERICHT


Politische Verantwortung von Wissenschaft       Gerechtigkeit hilft heilen       Aktuelle Bezüge       Anmerkungen und Literatur

Die „Verbrechensgeschichte der Medizin“, die durch die von Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer initiierten Prozesse seit den 1950er Jahren sukzessive aufgedeckt wurde, ist noch immer ein akutes Thema. Ebenso das Zusammenspiel von NS-Medizinern und NS-Juristen, die an dem Mord an Tausenden kranken oder behinderten Menschen mitwirkten und zur Perversion einer humanen Wissenschaft und Rechtsordnung in eine Medizin und Justiz ohne Menschlichkeit beitrugen. Die Folgen davon sind nicht überwunden.


Zur Rolle der Medizin und der Justiz im Nationalsozialismus sind in den letzten Jahren zahlreiche Studien erschienen, ebenso zur öffentlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema. (1) Die Verbindung von Medizin und Verbrechen - der Medizinhistoriker Walter Wuttke nannte diese Perversion „Heilen und Vernichten“, was ihm jahrelange Ausgrenzung einbrachte - ist ähnlich wie die Perversion des Rechts im NS-Regime eine Geschichte rassistischen, antihumanen und antidemokratischen Denkens und Handelns. (2) Die Eliten der Medizin- und Rechtswissenschaft, aber auch die angestellten Pflegerinnen und Pfleger in den Heilanstalten, das Verwaltungspersonal in Behörden und Ministerien, haben von dem Tötungsprogramm gewusst. Sie wurden dadurch zu Mitwirkenden an einem grausamen und heimtückischen Massenmord.


Politische Verantwortung von Wissenschaft

Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer ging es mit den Prozessen jedoch nicht hin erster Linie um die Bestrafung und eine ohnehin unmögliche Sühne seitens der Täter und Täterinnen. Eine „Chronik des Grauens“ war ebenso wenig sein Ziel. Zwar ergibt die Dokumentation der von Bauer initiierten Prozesse ein erschreckendes Gesamtbild des Ausmaßes an Beteiligung von Ärzten und Pflegepersonal an der Durchführung der nationalsozialistischen „Euthanasie“. Mit seinem politischen Verständnis von Wissenschaft und einer humanen Rechtsordnung ging es ihm jedoch in erster Linie um die Aufdeckung der Denk- und Handlungsmuster, die Menschen zu einem derartig brutalen und eiskalten Handeln gegenüber Schwächeren und Menschen mit Behinderungen fähig machen.

Fritz Bauer wollte zu den Wurzeln inhumanen Handelns vordringen, um die Mechanismen zu beseitigen, die zu rassistischem und autoritärem Denken und Handeln führen. Nicht der Einzelne allein, sondern nur die Gesellschaft als Ganzes konnte aus seiner Sicht verhindern, dass sich solche oder ähnliche Verbrechen wiederholen.

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Gerechtigkeit hilft heilen

Die von Bauer initiierten Strafprozesse wegen der NS-„Euthanasie“ und anderer Verbrechen der NS-Medizin, zum Beispiel der „jüdischen Skelettsammlung“ an der Reichsuniversität Straßburg oder die Untersuchung im Falle Schlegelberger und anderer Spitzenjuristen, die von dem amtierenden Justizminister über die geplante Tötungsabsicht auf einer Konferenz in Berlin informiert wurden, waren bahnbrechend für den Neuaufbau einer humanen Rechtsordnung. Sie sind noch nicht genügend erforscht, zumal wenn man bedenkt, dass Bauers Staatsanwälte in den 1950er und 60er Jahren zehntausende Blatt an Dokumenten- und Beweismaterial zum Thema NS-"Euthanasie" zusammentrugen.

Es handelt sich bei der Erforschung der „Medizin ohne Menschlichkeit“ (Mitscherlich/Mielke) ebenso wie bei der Justiz ohne Menschlichkeit um eine andauernde Sisyphusarbeit, die eine schwer zu ertragende unmenschliche Wirklichkeit dokumentieren muss. (3) Gleichzeitig geht es darum, Handlungsalternativen aufzeigen und Bedingungen zu schaffen, die einer erneuten Perversion unseres Rechts- und Medizinsystems entgegenwirken. Dies kann nur durch Vorbilder und ein Handeln geschehen, dass eine vorbehaltlose Aufklärung der Verbrechen anstrebt und dabei an die Opfer und Überlebenden denkt.

In der Formulierung, dass Gerechtigkeit heilen oder zumindest zu einem Genesungsprozess beitragen kann, kommt dies zum Ausdruck und das war es auch, worauf sich Fritz Bauers Arbeit konzentrierte. Die Nürnberger Prozesse und ihre Nachfolgepresse, überhaupt die Anwendung des Völkerrechts, hatten für ihn, der selbst verfolgt worden war, eine heilende Bedeutung, da sie zu einem Prozess der Selbstreinigung - zum "Gerichtstag halten über uns selbst" - beitragen konnten. (4)

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Aktuelle Bezüge

Dem Juristen ging es um ein radikales Umdenken. Neben dem Recht auf Leben, das eine menschenwürdige Existenz meint und im Widerstandsrecht verankert ist, wollte er ein neues Recht begründen, eine Widerstandspflicht, die vom Menschen ein Verhalten fordert, das seinen Neigungen entgegengesetzt ist: "Du sollst den anderen lieben wie dich selbst." Fritz Bauer forderte, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass wir uns in quasi jeder Situation und trotz allem äußeren Drucks immer – oder jedenfalls fast immer – auch anders entscheiden können, nämlich für den Mitmenschen. (5)

Bauer bezog sich dabei unter anderen auf Arthur Schopenhauer, der sich mit dem "großen Mysterium der Ethik" befasst habe, dem Übergang vom Ich zum Du, vom Egoismus zum Altruismus. In seiner "Preisschrift über die Grundlage der Moral" - deren Motto lautete: Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer - hatte Schopenhauer geschrieben:

"Wenn meine Handlung ganz allein des Anderen wegen geschehen soll, so muß sein Wohl und Wehe unmittelbar mein Motiv sein ... Dies setzt notwendig voraus, daß ich bei seinem Wehe als solchem geradezu mitleide, sein Wehe fühle, wie sonst nur meins. Da ich nun aber nicht in der Haut des Andern stecke, so kann allein vermittels der Erkenntnis, die ich von ihm habe, ich mich so weit mit ihm identifizieren, daß meine Tat jenen Unterschied als aufgehoben ankündigt. Der hier analysierte Vorgang ist aber kein erträumter oder aus der Luft gegriffener, sondern ein ganz wirklicher, ja keineswegs seltener: es ist das alltägliche Phänomen des Mitleids, d. h. der ganz unmittelbaren, von allen anderweitigen Rücksichten unabhängigen Teilnahme zunächst am Leiden des Andern und dadurch an der Verhinderung oder Aufhebung dieses Leidens. Dieses Mitleid ganz allein ist die wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller echten Menschenliebe."

In Fritz Bauers Worten ausgedrückt, bedeutete das: "Widerstand kommt von der leidenden Kreatur, das Nein zum bösen Gesetz und Befehl aus dem Mund des mitleidenden Bruders ... In einer verwalteten Welt ist allein >Pathos< - Leiden und Mit-Leiden - der Mutterboden aller guten Werke; ohne den Aufstand des Mitgefühls bleibt auch alles Reden vom Widerstand nichts anderes als ein tönend Erz und klingende Schelle." (6)

Fritz Bauer, der Mitglied der Schopenhauer Gesellschaft war, teilte die Ethik des Philosophen, wollte sich jedoch nicht mit dem Pessimismus zufrieden geben, mit dem Schopenhauer von der Statik menschlichen Daseins ausging. Seine Schlussfolgerung lautete: "Er kannte weder Darwin, noch Marx noch Freud. Der praktische tätige Mensch hält es mit dem Prinzip Hoffnung, mag er auch selbstkritisch sich mitunter des Gefühls nicht erwehren können, es könnte eine Lebenslüge sein." (7)

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Anmerkungen und Literatur

(1) Sascha Topp, Geschichte als Argument in der Nachkriegszeit. Formen der Vergegenwärtigung der nationalsozialistischen Euthanasie zwischen Politisierung und Historiographie. Göttingen: V & R unipress, 2013. Stephan Brause, Dominik Groß (Hrsg.), NS-Medizin und Öffentlichkeit. Formen der Aufarbeitung nach 1945. Frankfurt am Main, New York: Campus, 2015.
(2) Vgl. Christoph Kopke (Hrsg.), Medizin und Verbrechen. Festschrift zum 60. Geburtstag von Walter Wittke. Klemm & Opelschläger. Ulm 2001, hier. S. 9 (Friedemann Pfäfflin).
(3) Alexander Mitscherlich und Fred Mielke (Hrsg.), Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Frankfurt am Main: Fischer, 1979.
(4) Fritz Bauer, Die Kriegsverbrecher vor Gericht. Zürich, New York: Europa Verlag, 1945.
(5) Fritz Bauer, "Nachwort", in: Ders. (Hrsg.), Widerstand gegen die Staatsgewalt. Dokumente der Jahrtausende. Zusammengestellt und kommentiert von Fritz Bauer. Frankfurt am Main: Fischer, 1965, S. 300 f., hier. S. 301. 
(6) Bauer, "Nachwort", in: Ders. (Hrsg.), Widerstand gegen die Staatsgewalt (wie Anm. 5).
(7) Fritz Bauer, "Schopenhauer und die Strafrechtsproblematik", in: Ders., Die Humanität der Rechtsordnung. Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Joachim Perels und Irmtrud Wojak. Frankfurt am Main, New York: Campus, 1998, S. 341-362, hier: S. 362.

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Fritz Bauer, Die Kriegsverbrecher vor Gericht. Zürich, New York: Europa Verlag, 1945.

Fritz Bauer, "Nachwort", in: Ders. (Hrsg.), Widerstand gegen die Staatsgewalt. Dokumente der Jahrtausende. Zusammengestellt und kommentiert von Fritz Bauer. Frankfurt am Main: Fischer, 1965.

Fritz Bauer, "Schopenhauer und die Strafrechtsproblematik", in: Ders., Die Humanität der Rechtsordnung. Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Joachim Perels und Irmtrud Wojak. Frankfurt am Main, New York: Campus, 1998, S. 341-362.

Stephan Brause, Dominik Groß (Hrsg.), NS-Medizin und Öffentlichkeit. Formen der Aufarbeitung nach 1945. Frankfurt am Main, New York: Campus, 2015.

Christoph Kopke (Hrsg.), Medizin und Verbrechen. Festschrift zum 60. Geburtstag von Walter Wuttke. Klemm & Opelschläger. Ulm 2001.

Alexander Mitscherlich und Fred Mielke (Hrsg.), Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Frankfurt am Main: Fischer, 1979.

Sascha Topp, Geschichte als Argument in der Nachkriegszeit. Formen der Vergegenwärtigung der nationalsozialistischen Euthanasie zwischen Politisierung und Historiographie. Göttingen: V & R unipress, 2013.


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