WEIßE KRAGEN-KRIMINALITÄT


"White Collar Crime (1949)"     Zweifel an der Milieutheorie Sutherlands     Schwierigkeiten der Verbrechensbekämpfung     "Justitia hinkt" - Klassenstrafrecht     Anmerkungen und Literatur


"Karl Marx hat festgestellt, daß der Verbraucher, wenn er seine Rolle als Gegenspieler von Produzent und Händler spielen wolle, über ein enzyklopädisches Wissen verfügen müßte. (...) Er ist schlechterdings außerstande, zu unterscheiden, ob ihm ein Natur- oder ein Kunstprodukt angeboten wird. Materialbezeichnungen dienen häufig genug nur der Verschleierung der Wahrheit."

Fritz Bauer, 1966

"While Collar Crime" (1949)

In einem Beitrag für Die Neue Rundschau setzte sich Dr. Fritz Bauer 1966 mit der Theorie des amerikanischen Soziologen Edwin H. Sutherland (1883-1950) auseinander, der 1949 ein viel beachtetes Buch über die "Kriminalität der Leute mit der weißen Weste" publiziert hatte. Der Kriminologe Sutherland, der mit seiner ebenso berühmten wie viel kritisierten Kriminologie Principles of Criminologie diese im Grunde erst zu einem starken soziologischen Fach machte, setzte sich in seinem Werk mit der Wirtschaftskriminalität und Steuerhinterziehungen in den USA auseinander.

Ausschnitt aus: "Fritz Bauer über White Collar Crime",
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In erster Linie um seine eigene Theorie zu beweisen, dass "Weiße-Kragen-Kriminalität" (wie beispielsweise Steuerhinterziehungen, Patentverletzungen oder Verstöße gegen die Antimonopol-Gesetzgebung von Groß- und Größtbetrieben) nicht psychologisch, nicht psychiatrisch, sondern allein soziologisch zu erklären sei. Damit hatte er, so fasste Fritz Bauer einleitend zusammen, Schule gemacht:

"Er hat zeitlebens die Kriminologen kritisiert, die Erbforschung betrieben, nach Geisteskranken, nach Psychopathen und Neurosen der Kriminellen, namentlich in den Strafanstalten, fragten und in den Kategorien 'krank' oder 'gesund' dachten." Sutherlands Leitsatz sei hingegen gewesen, kriminelles Verhalten werde gelernt und nicht ererbt: "Wenn Personen kriminell werden, geschieht dies wegen ihres Kontaktes mit kriminellen menschlichen Vorbildern. Jede Person assimiliert sich, sie wird von ihrer Gruppe und ihrem way of living angesteckt, man lernt Kriminalität, wie man seine Sprache oder ihren Dialekt lernt." (1)

Die Richtigkeit seiner umstrittenen These wollte Sutherland beweisen, indem er aufzeigte, dass die großen Bosse, das "big business", ebenso kriminell wären wie die Unterklassen oder üblichen Gangster allen Alters. Er wolle nachweisen, dass ihnen frei nach der Maxime "Geschäft ist Geschäft" eine gesetzfeindliche und rein am Profit orientiere Lebens- und Weltanschauung zugrunde lag und die Gesetzesübertretungen in der Oberschicht ebenso häufig seien wie in der ärmeren oder armen Unterschicht, auf die sich die Kriminologie in ihren Studien konzentrierte.

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Zweifel an der Milieutheorie Sutherlands

Fritz Bauer war von Sutherlands Milieutheorie, soweit sie absolute Gültigkeit beanspruchte, nicht überzeugt. Abgesehen davon, dass die "catch-as catch-can-Philosophie" der oberen Klassen nicht allein die eigenen Kreise infiziere, sondern beispielsweise auch eine der Ursachen von Jugendkriminalität sei, werfe die "Auflehnung der Oberklasse gegen Gesetze aus Gewinnsucht" in der Regel ebenso psychologische Fragen auf. Nicht jedes Mitglied von "big business" gerate in den "Sog antilegaler Gruppenvorstellungen" und zu fragen bleibe auch, warum Millionäre immer noch mehr Geld benötigten, womit man sehr bald bei der Psychologie anlangte: aufgrund eines Willen zur Macht, um immer höheren Ansehens willen, aus Minderwertigkeitskomplexen oder auch "Sexusersatz" könne eine Rolle spielen, meinte Bauer.

Der weiße Fleck auf der Landkarte, "genannt Weiße Kragen Kriminalität", so der Frankfurter Generalstaatsanwalt, lasse sich nicht allein mit der Milieutheorie erklären und gebe "noch genügend Anlaß zu Fragestellungen". Als Grund dafür erklärte er,  das Postulat der freien Markwirtschaft, die Gesellschaft mit Gütern und Leistungen zu versorgen, werde nur in "unzulänglicher Weise erfüllt (...), nicht weil die Produzenten und Händler Menschen sind, die wie alle anderen irren können, sondern weil sie vielfach das Böse wollen, ohne - wie Mephisto - gleichzeitig das Gute zu schaffen." 

Steuerhinterziehungen sind hierfür aus Bauers Sicht - er hatte damals schon die Steueroasen Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg, Bahamas und die Bermudas im Visier - das "beste" Beispiel. Sie gelten als Kavaliersdelikte und schädigen nicht allein den Staat, sondern die Mitbürger, die aufgrund der Hinterziehungen höhere Steuern zahlen müssen und ebenso die "steuerwilligen Konkurrenten".

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Schwierigkeiten der Verbrechensbekämpfung

Wie in Fällen "normaler" Kriminalität müsse man feststellen, urteilte der Jurist, der in den zwanziger Jahren über die rechtliche Struktur der Truste bei Prof. Dr. Karl Geiler in Heidelberg promovierte, dass auch in Fällen von Wirtschaftskriminalität die Verfolgung von Betrug und Manipulationen komplex und schwierig sei. Nicht nur weil die Spezialisten bei den Staatsanwaltschaften fehlten und sich auch nur schwer finden ließen, da sie verständlicherweise selber gerne Justitiare bei den Großunternehmen werden möchten, sondern auch weil die Geschädigten sich oft terrorisiert fühlten: "Machen sie belastende Aussagen, fürchten sie, später benachteiligt zu werden. (...) Angst vor eigener Strafverfolgung ist als Beweggrund nicht selten."

Dr. Bauer zog eine Parallele zu den Schreibtischtätern der NS-Massenverbrechen und der bei diesen Verbrechen herrschenden Arbeitsteilung. Diese gibt es natürlich auch in der Hierarchie von Großkonzernen und Aktienunternehmen: je höher in der Hierarchie, "desto weniger behaupten die Manager zu wissen." Wie in den NS-Prozessen pflege "dann die Schuld an den Tätern der untersten Rangstufe hängen zu bleiben, die in Wahrheit nur ausführende Organe gewesen sind und den geringsten Vorteil hatten."

Weiter hob der Jurist hervor, dass das amerikanische Strafrecht, das im Gegensatz zum deutschen Schuld- und Sühnestrafrecht "weniger mit Werkzeugen einer metaphysischen Dogmatik herangeht", uns bei der Verfolgung von Wirtschaftskriminalität weit voraus ist. Aktiengesellschaften und GmbHs blieben als solche ungeschoren, da sie nach deutschem Recht juristische Personen seien, die bloße Fiktionen des rechtlichen Denkens sind, aber eben nicht "schuldig" und belangt werden können: "Nur leibliche Wesen, die ihre irdische Mission verfehlen, können eine strafbare Handlung begehen."

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"Justitia hinkt" - Klassenstrafrecht

Wie in vielen seiner Aufsätze und Vorträge wies der Sozialdemokrat Fritz Bauer, der abschließend zahlreiche Beispiele von Wirtschaftskriminalität aufzählte, auch hier wieder auf die Grenzen der Strafgerichtsbarkeit hin, um sein Plädoyer für eine Abschaffung des Schuldstrafrechts zu bekräftigen und den Blick auf die sozialen Erscheinungen zu lenken. Darin stimmte er mit Sutherland und seinem Begriff von der Weißen-Kragen-Kriminalität überein, "daß Kriminalität vor keinem Berufsstand und keiner Klasse haltmacht, wie hoch auch immer sie eingeschätzt wird, daß aber das aktuelle Recht hinter den sozialen Erscheinungen dieser Welt zurückbleibt, daß die Justitia hinkt und trotz Binde parteiisch ist und damit das ganze Recht fragwürdig macht."

Das Klassenstrafrecht machte dem Juristen zu schaffen, "daß die Reichen die Gesetze gegen die Armen machen, sich selbst aber freistellen. Die Mittel- und Oberklassen pflegen nicht zu stehlen, weil sie nicht zu stehlen brauchen, sie brauchen auch nicht mit vorgehaltenem Revolver Banken zu plündern. Sie haben ihre eigenen Safes." (2)

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Anmerkungen und Literatur

(1) Vgl. die Zitate im Folgenden in: Fritz Bauer, "Von der Kriminalität der 'Weißen Kragen'", in: Die Neue Rundschau, Jg. 77 (1966), H. 2, S. 282-298.
(2) F. Bauer publizierte seine Ausführungen über "Kriminalität der 'Weißen Kragen' auch in seinem letzten Werk Auf der Suche nach dem Recht. Stuttgart: Franckh'sche Verlagsgesellschaft, 1966, S. 226 ff., hier S. 233.

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Fritz Bauer, "Von der Kriminalität der 'Weißen Kragen'", in: Die Neue Rundschau, Jg. 77 (1966), H. 2, S. 282-298. 

Fritz Bauer, Auf der Suche nach dem Recht. Stuttgart: Franckh'sche Verlagsgesellschaft, 1966.

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