DER FALL DR. HANS GLOBKE 

Die Legende vom "Selekteur als Lebensretter"       Dr. Hans Josef Maria Globke       Dr. Bauer gegen Dr. Globke       "An den Wurzeln des Unheils"     Dr. Adenauer gegen Dr. Bauer       Die "Akte Globke" im Eichmann-Prozess       Anmerkungen und Literatur       Weblinks

"Meine Damen und Herren, wer als Jurist eine solche Tat oder Untat, wie es die Nürnberger Gesetze sind, scheinbar wissenschaftlich kommentiert, setzt sich dem Vorwurf aus, dass das, was er dort geschrieben hat, kaum mit einer anderen Bezeichnung versehen werden kann als der einen juristischen Prostitution." (1)

Adolf Arndt, Jurist und SPD-Abgeordneter, 1950 im Bonner Bundestag 


Vorgeschichte

Ohne über die Verhältnisse der Adenauer-Ära zu sprechen, und es wäre ziemlich unfair dies nicht zu tun, stellte die Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt nach ihrem Besuch des Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963-1965) fest, ließe sich der Mehrheit des deutschen Volkes „mangelnde Begeisterung für Gerichtsverfahren gegen Naziverbrecher“ nicht vorwerfen. Doch es sei ein offenes Geheimnis, dass die deutschen Verwaltungsbehörden auf allen Ebenen mit Nazis durchsetzt seien. Diese Tatsache erkläre, „warum es eine ‚Mauer des Schweigens’ gab, warum die Angeklagten [im Frankfurter Auschwitz-Prozess wie in anderen NS-Prozessen] hartnäckig, wenn auch nicht in sich stimmig logen.“ „Der entscheidende Punkt ist der“, schrieb sie, „daß die Angeklagten (...) eine bemerkenswerte Tendenz zur Anpassung an ihre jeweilige Umgebung an den Tag legten, d. h. die Eigenschaft, sich sozusagen im Nu ‚gleichzuschalten’.“ (2)

Im Verhalten der Angeklagten in NS-Prozessen spiegelte sich die öffentliche Meinung außerhalb des Gerichtssaals. Stellvertretend hierfür zitierte Arendt den brutalen Block- und Rapportführer im Stammlager Auschwitz, Oswald Kaduk, der vor dem Frankfurter Schwurgericht gesagt hatte: „Die meisten gehen noch frei herum, wie der Globke. Das tut einem weh.“ Fritz Bauer fasste diese Beobachtung in die Worte: „Die Angeklagten haben in den Spiegel des deutschen Volkes geschaut und gelernt, daß ‚man’ nichts wußte, daß niemand etwas ahnte“. (3) So offenbar auch der höchste Beamte im Staate, der Staatssekretär im Bundeskanzleramt und Kommentator der Nürnberger Rassegesetze von 1935, Dr. Hans Maria Globke.

Dr. Hans Josef Maria Globke (1898-1973)

Dr. Hans Globke © picture alliance

Der in Düsseldorf geborene Dr. Hans Globke war Verwaltungsjurist. Er war im preußischen und im Reichsinnenministerium tätig und während der Nazi-Herrschaft Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassegesetze. Am 1. Dezember 1933 wurde Dr. Globke zum Oberregierungsrat befördert, ab 1. November 1934 als Referent in das Reichs- und Preußische Ministerium des Innern übernommen und dort war er bis 1945 tätig, 1938 erfolgte seine Beförderung zum Ministerialrat. Zehn Jahre, von 1953 bis 1963, war er Chef des Bundeskanzleramts unter Bundeskanzler Konrad Adenauer. Beide, Adenauer und Globke, waren nicht nur in den Aufbau einer deutschen Armee eingebunden, sondern auch in die Operation "Gladio", den Aufbau einer Guerillatruppe zur Bekämpfung des Kommunismus in Europa. Diese "Stay-behind-Armeen", für deren Aufstellung Nazi-Kriegsverbrecher wie Klaus Barbie (der "Schlächter von Lyon") und Hitlers General Reinhard Gehlen (seit April 1942 Chef der Fremden Heere Ost, nach dem Krieg Chef des Bundesnachrichtendienstes BND) rekrutiert wurden, sollte im Falle des befürchteten Angriffs der Sowjetunion hinter den feindlichen Linien eingesetzt werden. (4)

Während der NS-Herrschaft wirkte Dr. Globke am so genannten Ermächtigungsgesetz vom 1. Juni 1933 mit. Er war von Dezember 1933 bis Kriegsende in der Abteilung I des Reichsinnenministeriums tätig, ab 1934 hauptsächlich für Namensänderungen und Personenstandsfragen verantwortlich, ab 1937 für „Internationale Fragen auf dem Gebiet des Staatsangehörigkeitswesens und Optionsverträge“; als Korreferent war er für „Allgemeine Rassefragen“, „Ein- und Auswanderungen“ und das antisemitische „Blutschutzgesetz“ zuständig. Er wirkte federführend an der Vorbereitung der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz (14.11.1935), dem Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes (18.10.1935) und dem Personenstandsgesetz (3. 11.1937) mit. Die Einführung des Stempels „J“ in Pässe von Juden wurde von Globke mitkonzipiert und das Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen (5.1.1938) sowie die Ausführungsverordnungen dazu wurden von ihm formuliert.

Bereits vor der Machtübernahme hatte der ehrgeizige Ministerialbeamte und konservative Katholik, der vom christlichen Antijudaismus beeinflusst war, Richtlinien für die Behandlung von Namensänderungen erarbeitet, damit Juden "blutmäßig" kenntlich blieben. Mit der willkürlichen Erfassung der „jüdischen Bevölkerung“ und den Ausführungsverordnungen für die antijüdische Gesetzgebung wirkte Dr. Globke mit an der Legitimierung für den Völkermord an den Juden. Seine Auslegung verschärfte das "Blutschutzgesetz" und ging konform mit dem nazistischen Rassenwahn. 1941 beantragte Globke die Mitgliedschaft in der NSDAP, was aufgrund seiner Kontakte zum katholischen Zentrum abgelehnt wurde.

Wie unterschiedlich die Rolle und Verantwortung von einem Mitwirkenden an der rassistischen nationalsozialistischen Politik noch immer bewertet wird, belegen die zuletzt erschienenen Studien von Jürgen Bevers (2009) und Erik Lommatzsch (2009) über Dr. Hans Maria Globke. Während Jürgen Bevers in seinem Buch die Perspektive der Überlebenden einnimmt, spiegelt Erik Lommatzsch die gespaltene Meinung über Dr. Globke in einer deutschen Geschichtswissenschaft und in der Politik, die noch immer nicht wagt, die Geschichte des Nationalsozialismus vom Standpunkt der Opfer her zu schreiben.

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Die Legende vom "Selekteur als Lebensretter"

Über Dr. Globke hieß es und er behauptete dies auch selber, er habe Leben retten wollen mit seiner Auslegung der Nürnberger Rassegesetze. Dass diese die Aussonderung der so genannten Nicht-Arier, in erster Linie der Juden, legitimieren sollten, wurde bei dieser Art der Argumentation einfach umgedreht: der Selekteur ein Lebensretter. 

Die Sichtweise machte Schule und wurde sogar dahingehend ausgebaut, dass aus dem "Selekteur" ein Widerstandskämpfer wurde. Der Witwe seines Vorgesetzten, des Staatssekretärs und SS-Obergruppenführers Dr. Wilhelm Stuckart (1902-1953), ebenfalls Kommentator der Rassegesetze und Teilnehmer der berüchtigten Wannsee Konferenz, bescheinigte Dr. Hans Globke 1953, ihr Gatte sei "zwar überzeugter Nationalsozialist" gewesen, habe "aber zu den wenigen führenden Nationalsozialisten gehört, die Recht und Ordnung hochhielten". Die Nürnberger Rassegesetze waren für Dr. Globke kein Unrecht, sondern ein verbrieftes Recht, an das sich jedermann zu halten hatte. (5)

Im Wilhelmstrassen-Prozess (1947) hatte Dr. Stuckart, der unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Verfolgung von Juden, Katholiken und anderen Minderheiten) angeklagt wurde, behauptet, dass sein Plan, alle "Halbjuden" sterilisieren zu lassen, die "jüdischen Mischlinge" gerettet hätte. Das Gericht sah dies nicht als bewiesen an. Dr. Stuckarts Beteiligung an der Ausarbeitung der Nürnberger Rassegesetze wurde als Mitwirkung am Vernichtungsprogramm bewertet. Dr. Globke sagte in dem Prozess aus, dass er zwar von der systematischen Ausrottung der Juden wusste, aber nicht - was der Anfang seiner eigenen Legendenbildung nach dem Krieg war - "dass sie sich auf alle Juden bezog". (6) Was er unter dem Begriff systematisch verstand, ließ er offen.

Im ersten Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 benutzte der Verteidiger Dr. Hans Laternser die Argumentation wieder und deutete die Mitwirkung an der Selektion an der Rampe von Auschwitz als Widerstand, um Leben zu retten. Laterners Plädoyer war der Höhepunkt der Legende vom "Selekteur als Lebensretter", die zahlreiche verantwortliche Staatsbedienstete zur Rechtfertigung ihrer Mitwirkung an der nationalsozialistischen Ausrottungspolitik und ihrer Scheinlegitimierung (be-)nutzten. 

Sie behaupteten an der Kodifizierung des Unrechts wie beispielsweise der antijüdischen Gesetzgebung mitgewirkt zu haben, um Schlimmeres zu verhindern. (7) Das Argumentationsmuster war denkbar simpel. Mit dem Argument, man habe sich an die Gesetze halten müssen - "Gesetz ist Gesetz und Befehl ist Befehl!" - lehnten NS-Juristen und SS-Offiziere dann nach dem Krieg und Holocaust  jegliche persönliche Mitschuld und Verantwortung an dem selbsterrichteten Unrechtsstaat ab.
 

"Bürovorsteher im Vorraum der Macht... Hans Globke"

"Auch Himmler rettete Juden"

Titelstory des Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL 
4. April 1955

"(...) Bundeskanzler Konrad Adenauer hat diesen Mann seit sieben Jahren allein gegen alle Angriffe und Attacken der politischen Scharfschützen in Bonn abgeschirmt und gehalten. Wird im intimen Zirkel des Palais Schaumburg etwas gegen den Staatssekretär vorgebracht, winkt er nur ab: 'Ach, lassen Sie mal, der liebe Herr Globke...' Werden die Angriffe in der Öffentlichkeit geführt, klettert der greise Kanzler unverzüglich aufs Podium des Parlaments. Viermal hat er von dort bereits für Globke gestritten. Im Bundestag bekannte er, 'daß ich in, der langen Zeit, in der ich im öffentlichen Leben ... tätig bin, kaum jemals einen Beamten kennengelernt habe, der mit gleicher Pflichttreue und gleicher Objektivität seines Amtes waltet, wie Herr Globke.' (...)

Wieder und wieder hatten in den ersten drei Bundes-Jahren die Sozialdemokraten den Hans Globke deswegen im Parlament auf die Hörner genommen; sie empfänden es als 'eine Schande', daß der Kommentator der Nürnberger Judengesetze im Bundeskanzleramt beschäftigt sei. Und wieder und wieder versuchte Konrad Adenauer seinen Getreuen vor dem Plenum reinzuwaschen: Die Besatzungsbehörden hätten Hans Globke überprüft, und Juden hätten sich bei ihm für ihre Rettung bedankt. Zwischenruf: 'Auch Himmler hat Juden gerettet.' Konrad Adenauer: 'Ich meine, wir sollten jetzt mit der Naziriecherei Schluß machen."'Nach diesem Appell an das nationale Gewissen herrschte tatsächlich drei Jahre Ruhe. Bis vor kurzem."



Erklärung des Zentralrats der Juden in Deutschland 

„Es ist uns nicht bekannt, dass durch irgendwelche Kommentare der Nürnberger Rassengesetze je jüdische Menschenleben gerettet wurden. Dagegen ist uns wohl bekannt, dass diese Gesetze zum verbrecherischen Mord an sechs Millionen Männern, Frauen und Kindern geführt haben.“  (8)



Dr. Bauer gegen Dr. Globke

Der "Fall Dr. Globke" war parallel zu politischen Nachkriegskarriere des Staatsbeamteten immer wieder Thema öffentlicher Diskussion. Für Fritz Bauer ergab sich eine direkte Verbindung zum Jerusalemer Eichmann-Prozess. Als der israelische Geheimdienst Mossad, nachdem er von Bauer über den Aufenthaltsort Adolf Eichmanns informiert worden war, im Januar 1958 den ersten Agenten nach Buenos Aires schickte und die ganze Aktion ins Rollen kam, hatte allerdings bereits ein weiterer Geheimdienst die Spuren Eichmanns gefunden: die US-amerikanische Central Intelligence Agency (CIA).

CIA-Akte Globke-Eichmann, Timothy Naftali PDF

Nach einem geheimen Dokument vom 19. März 1958 hatte sie Eichmann unter dem Namen Clemens in Argentinien lokalisiert. (9) Angeblich sei diese Information auch dem befreundeten Bundesnachrichtendienst (BND) übermittelt worden; beide Dienste verschwiegen jedoch ihr Wissen gegenüber den bundesdeutschen Justizbehörden. Der angebliche Grund: Es gab Sorge darüber, dass der Deportationsspezialist des Reichssicherheitshauptamtes öffentlich Dr. Hans Globke, den höchsten Beamten des Staates und persönlichen Protegé von Bundeskanzler Adenauer, aber auch andere hochrangige SS-Führer in den Diensten Bonns oder der USA, belasten könnte. Denn nicht nur die CIA und das Counter Intelligence Corps (CIC) bedienten sich der ehemaligen Gegner als Agenten, auch der BND beschäftigte im In- und Ausland eine erkleckliche Zahl in den Holocaust und Vernichtungskrieg verstrickter Nationalsozialisten. CIA und BND schützten das "System Adenauer-Globke" und waren sich über Globkes Funktion in diesem System, wie seine CIA-Akte zeigt, vollständig im Klaren.

Als der "Fall Dr. Globke" mit dem Eichmann-Prozess 1960 politisch wieder akut wurde, war die Legende von der "Milderung" der Judenverfolgung durch Dr. Globke - und zwei weitere Referenten im Reichsinnenministerium, Bernhard Lösener (1890-1952) und seinem Vorgesetzten SS-Obergruppenführer Wilhelm Stuckart (1902-1953), mit dem Hans Globke den Kommentar verfasste (10) - bereits ein Selbstläufer geworden. In ihrer Studie über Die "Nürnberger Gesetze" oder Die Verwaltung des Rasenwahns 1933-1945 schreibt Cornelia Essner, der "vage, aber humanitär klingende Ausdruck" sei zum Synonym für alle Versuche der NS-Bürokratie geworden, den "Halbjuden" das Schicksal der Juden zu ersparen. (11) Essens Kritik des so genannten Lösener-Dokuments, eine 1950 verfasste und nicht zufällig 1961 veröffentlichte Aufzeichnung des "Rassereferenten im Reichsinnenministerium", ist eine minutiöse Rekonstruktion der Genese der Nürnberger Rassegesetze. Sie weist nach, dass die Rassegesetze langfristig vorbereitet wurden und dass das Lösener-Dokument im Jahr 1961 publiziert wurde, um zu belegen, dass Adenauers Staatssekretär "weder mit Entstehung noch Umsetzung der 'Nürnberger Gesetze' zu tun gehabt hätte". Hans Globke, so schrieb Lösener, der sich selbst in seiner Aufzeichnung als Widerstandskämpfer hinstellte, habe "mit der Bearbeitung der 'Judenfrage' im Innenminsterium" nichts zu tun gehabt. (12)

Während Lösener 1950/61 sowohl Dr. Globke wie auch seinen ehemaligen Vorgesetzten Dr. Stuckart entlastete, hatte Hans Globke hingegen bereits 1948 vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg (wo Dr. Stuckart sich ausschwieg) gesagt, die "beteiligten Vertreter des Reichsinnenministeriums" hätten "Inhalt und Tendenz der Gesetze im wesentlichen" bejaht. (13) Was er nicht sagte war, dass er an den Gesetzesprojekten mitwirkte, die den in den Nürnberger Rassegesetzen kodifizierten minderen Rechtsstatus der Juden durch Einführung der Vornamen "Sarah" und "Israel" weiter ausweiteten. Gleiches gilt für den Plan, die in Deutschland geborenen deutschen Juden und "Mischlinge" zu Staatenlosen zu machen. Auch wenn dieser Plan nicht umgesetzt wurde, kann von einer "mildernden" Einflussnahme nicht die Rede sein. (14)

Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauers Vorermittlungen setzten ein, als ihm bekannt wurde, dass Dr. Globke die Rettung von Tausenden Juden in Saloniki verhindert haben sollte, deretwegen Adolf Eichmann das Reichsinnenministerium kontaktiert und Dr. Globke um Erlaubnis gebeten haben sollte.

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"Bauers politische Fehlleistung"

   
Frankfurter Rundschau 
6. Januar 1961
  Frankfurter Rundschau
20. Januar 1961
  Frankfurter Rundschau  
6. Februar 1961 


"An den Wurzeln des Unheils"

Conrad Taler (alias Kurt Nelhiebel)

„Seine ersten großen Konflikt handelte Fritz Bauer sich 1960 als hessischer Generalsstaatsanwalt ein, als er ein strafrechtliches Vorermittlungsverfahren gegen den Staatssekretär im Bundeskanzleramt und Vertrauten Adenauers, Dr. Hans Globke, einleitete. Dessen frühere Tätigkeit als Spezialist für Judenfragen im Nazi-Reichsinnenministerium war während des Prozesses der Israelis gegen den Beauftragten für die ‚Endlösung der Judenfrage’, Adolf Eichmann, wieder einmal ins Blickfeld gerückt.

Ohne auf Globkes eventuelle Mitschuld an der Judenverfolgung einzugehen – immerhin war er Mitverfasser des offiziellen juristischen Kommentars zur Umsetzung der Rassegesetze in die Praxis – warfen die Kritiker dem Generalstaatsanwalt Amtsmissbrauch und Politisierung der Justiz vor. Als ob das nicht reichte, verdächtigten sie ihn obendrein der Komplizenschaft mit den Kommunisten. Wie es denn zu erklären sei, fragten sie öffentlich, dass die Presse der Ostzone das Aktenzeichen des Globkeverfahrens eher gekannt habe als die Zeitungen der Bundesrepublik; offensichtlich gebe es da Querverbindungen.

In die Nähe der Kommunisten gerückt zu werden, war schon für einen Normalsterblichen existenzbedrohend, geschweige denn für einen Mann in exponierter Position. Ein amtierender Generalstaatsanwalt im Bunde mit dem politischen Erzfeind hinter dem Eisernen Vorhang – für die meisten ein unerträglicher Gedanke. Doch nichts an dem schäbigen Verdacht stimmte. In Wirklichkeit war das Aktenzeichen des Verfahrens nicht von der DDR-Presse erstmals veröffentlich worden, sondern vier Monate davor vom SPD-nahen ‚Hamburger Echo’. Aber die Schmutzwerfer hatten ihr Ziel erreicht. Fritz Bauer war stigmatisiert.

Hans Globke, der einstige Spezialist für Judenfragen im NS-Staats, behielt, ungeachtet des weltweiten Entsetzens über den Massenmord an den Juden, seinen Bonner Posten bis zum Erreichen des Pensionsalters. Er verließ das Kanzleramt 1963 zusammen mit seinem Mentor Konrad Adenauer.“

Conrad Taler, Asche auf vereisten Wegen – Berichte vom Auschwitz-Prozess. Köln: PapyRossa, 2015: „An den Wurzeln des Unheils. Über Fritz Bauers Wirken als politischer Mensch“, S. 135f.

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Dr. Adenauer gegen Dr. Bauer

In dem Ermittlungsverfahren, dass Dr. Bauer 1960 gegen Dr. Globke einleitete, ging es um die Rettung von 20.000 Juden aus Thessaloniki, die laut einer Zeugenaussage des Juristen Dr. Max Mertens angeblich von Dr. Globke verhindert worden war. Bundeskanzler Adenauer sprang seinem Staatssekretär Dr. Globke persönlich zur Seite und schrieb im Januar 1961 einen Brief an den hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn (SPD). Empört stellte der Bundeskanzler fest, erstmals sei es dem Ulbricht-Regime gelungen, einem hohen Staatsorgan in der Bundesrepublik, Herrn Generalsstaatsanwalt Bauer, an dessen Objektivität er „persönlich natürlich in keiner Weise zweifle“, Materialien über Herrn Globke zu übergeben. Er sei in „großer Sorge“ und halte es „für zweckmäßig“, das Verfahren nach Bonn abzugeben. (15) Tatsächlich gab die Frankfurter Staatsanwaltschaft kurz darauf zuständigkeitshalber das Verfahren an den Oberstaatsanwalt beim Landgericht Bonn ab, wo es schon bald eingestellt wurde.

Die Frankfurter Rundschau berichtete darüber am 18. Februar 1961:

"Wie Bauer weiter mitteilte, wurde der ehemalige SS-Obersturmbannführer Eichmann auf Antrag des Bonner Oberstaatsanwalts in Israel richterlich auch zu der Frage gehört, ob er (Eichmann) anlässlich einer Vorsprache Dr. Mertens im Reichssicherheitshauptamt im Jahre 1943 vergeblich die Mithilfe Globkes zur Rettung jüdischer Frauen und Kinder erbeten habe. Eichmann habe dazu die Aussage verweigert. Nach dieser Weigerung, sagte Dr. Bauer, bestehe kein Zusammenhang des Globke-Verfahrens mehr mit anderen in Frankfurt a. M. anhängigen Verfahren, so daß der Bonner Oberstaatsanwalt zuständig geworden sei."

Der Zeuge Dr. Mertens hatte allerdings nicht nur die gescheiterte Rettungsaktion in Saloniki wiederholt gegen Dr. Globke vorgebracht, sondern auch den Vorwurf wiederholt, dass dieser die deutschen Rassegesetze nicht nur in Griechenland, sondern auch in anderen Ländern unter deutscher Verwaltung einführen wollte. Ebensowenig von der Tagesordnung war nach der Abgabe des Verfahrens nach Bonn Dr. Globkes Beteiligung an der Ordnung der Staatsangehörigkeitsverhältnisse im "Großdeutschen Reich", die am 12. Mai und 22. Juni 1961 im Eichmann-Prozess zur Sprache kam. Eichmann beschrieb auf diesen Sitzungen die Beteiligung Dr. Globkes an der 11. Durchführungsverordnung zum Reichsbürgergesetz, mit anderen Worten der für die Deportation und Ermordung der Juden entscheidenen Verordnung. Darüber wurde sofort nach Bonn berichtet, lag doch laut Eichmanns Aussage "der Ursprung für diese Judenmaßnahmen zum größten Teil bei der Abteilung röm. Eins des Reichsinnenministeriums und zwar bei Ministerialdirigent Hering und Ministerialrat Globke". (16)

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"Der Liebling des Kanzlers soll als Biedermann dastehen"

   
Frankfurter Rundschau
12. Januar 1961
  Frankfurter Rundschau
9. Februar 1961
  Frankfurter Rundschau
20. Februar 1961

 

Die "Akte Globke" im Eichmann-Prozess

Dem ehemaligen SS-Obersturmbannführer Eichmann kamen die zwischenstaatlichen Absprachen, die dazu beitrugen, dass der "Fall Globke" im Eichmann-Prozess nicht zur Sprache kam, nicht zugute. Den ehemaligen Deportationsspezialisten erboste dies nicht wenig, berief er sich doch wie alle Verantwortlichen stets auf seine Zuständigkeit und spielte die eigene Rolle als Funktionär im Reichssicherheitshauptamt dabei herunter - nicht anders als Dr. Globke seine Rolle und Funktion im Reichsinnenministerium und eben auch nicht anders als der eingangs erwähnte Sanitätsdienstgrad Oswald Kaduk im Auschwitz-Prozess. Alle wollten sie Befehle ausgeführt und sich immer bloß an das Gesetz gehalten haben, Eichmann an die vom Reichsinnenministerium herausgegeben Rassegesetze, Globke an die seiner Vorgesetzten im Reichsinnenministerium und Kaduk, der Zehntausende mit Phenolinjektionen im KZ Auschwitz ermordete, an die der Kommandantur und seines Arztvorstehers im KZ. Fehlte nur noch, dass der Deportationsspezialist Eichmann erklärt hätte, indem er sich an die Nürnberger Rassegesetze hielt, habe er Leben gerettet.

Tatsächlich war Eichmann in seiner Verteidigung nicht weit davon entfernt. Während er nach dem Todesurteil durch das Jerusalemer Bezirksgericht am 15. Dezember 1961 auf seine Berufungsverhandlung wartete, kommentierte er in seiner Zelle auf 40 Seiten das Buch von Reinhard-M. Strecker, Dr. Hans Globke. Aktenauszüge. Dokumente, Hamburg: Rütten & Loening 1961, das sein Anwalt Dr. Servatius ihm mitgebracht hatte. Gestützt auf Reinhard Streckers Dokumentation - die eine eigene Geschichte darstellt und auf Betreiben von Hans Globke großteils eingestampft wurde (17) - berief Eichmann sich auf die Geschäftsverteilungspläne des Reichsinnenministeriums und stellte fest: "Die Deportationsdienststelle (das war er selbst, Anm. d. Red.), die für den von oben befohlenen Deportationsort zuständig war, brauchte in den 'Kommentaren' ja nur Einblick zu nehmen, um zu wissen, ob die Person zu dem vom MdI (Ministerium des Innern) festgestellten Personenkreis gehört oder nicht." (18)

Prozess in der DDR gegen Hans Globke © picture alliance

An diesen Vorgaben für die Exekutive hatte Dr. Hans Maria Globke mitgewirkt. Dennoch war der Ministerialrat, wie Eichmann empört feststellte, nicht verurteilt worden: "Das Buch Globke zeigt mir, dass ich recht habe, wenn ich nicht verstehen kann: 'Hier Staatssekretär einer Regierung; da, zum Tode verurteilt!'" (19) Eichmann forderte, dass Dr. Globke endlich als Zeuge geladen werde, was sein Verteidiger Dr. Servatius in der Berufungsverhandlung dann auch tat - in der Gewissheit, dass Globke aus prozessrechtlichen Gründen nicht mehr geladen werden konnte.

Nur Zeugen, die schon in der Hauptverhandlung hätten benannt werden können, waren zugelassen. Damit hatte die Vereinbarung zwischen Deutschland, Israel und den USA, Globke zu schützen, ihren Zweck erfüllt. Israel konnte aufgrund der Rücksichtnahme auf die Interessen der Adenauer-Regierung mit größeren Waffenlieferungen rechnen, die schon bald eintrafen. Da aber war der Staatssekretär im Bundeskanzleramt schon nicht mehr im Amt und die Ära Adenauer-Globke zu Ende.

Dr. Hans Maria Globke trat am 15. Oktober 1963 zusammen mit Bundeskanzler Adenauer zurück. Die DDR hatte in den Monaten zuvor einen Schauprozess gegen den Kommentator der Nürnberger Rassegesetze durchgeführt und ihn in Abwesenheit am 23. Juli 1963 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Auf die Entscheidung zum Rücktritt Dr. Globkes hat dieser Prozess keinen Einfluss mehr gehabt. Sie war vorher in Folge der ermüdenden Abwehrkämpfe gefallen, doch hatte Adenauer das Rücktrittsgesuch nicht angenommen. (20)

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Anmerkungen und Literatur

(1)   Jürgen Bevers, Der Mann hinter Adenauer. Hans Globkes Aufstieg vom NS-Jursiten zur Grauen Eminenz der Bonner Republik. Berlin: Christoph Links 2009, S. 36.
(2)   Vgl. Hannah Arendt, „Der Auschwitz-Prozeß“, in: Dies., Nach Auschwitz. Essays & Kommentare I. Hrsg. von Elke Geisel und Klaus Bittermann. 1. Aufl., Berlin: Wagenbach, 1989, S. 99-136, hier S. 108ff.
(3)   Fritz Bauer, „Antinazistische Prozesse und politisches Bewußtsein. Dienen NS-Prozesse der politischen Aufklärung?“, in: Hermann Huss, Andreas Schröder (Hrsg.), Antisemitismus. Zur Pathologie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, 1965, S.168-193, hier S. 171.
(4)   Bevers, Der Mann hinter Adenauer, S. 139. Zur Operation "Gladio" vgl. Daniele Ganser, Nato Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung. 7. Aufl., Zürich: Orell Füssli 2014, hier S. 295ff.
(5)   Jürgen Bevers, Der Mann hinter Adenauer, S. 94.
(6)   Das Urteil im Wilhelmstrassen-Prozess. Der amtliche Wortlaut der Entscheidung im Fall 11 des Nürnberger Militärtribunals gegen von Weizsäcker und andere. Hrsg. unter Mitarb. v. C. H. Tuerck. Bürger: Schwäbisch Gmünd, 1950, S. 167.
(7)   Dazu Cornelia Essner, Die "Nürnberger Gesetze" oder Die Verwaltung des Rassenwahns 1933-1945. Paderborn, München, Wien Zürich: Schöningh, 2002, S. 113ff.
(8)   Michael Lachmann, „23.07.1963: Adenauers Staatssekretär Hans Globke bekommt lebenslänglich“, SWR 2, ZEITWORT, 23.07.2013, 6:40 Uhr.
(9)   Rainer Blasius, „Zum Schutz von Globke? Der BND wusste schon 1958, dass Eichmann sich in Argentinien versteckte“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.6.2006.
(10) Wilhelm Stuckart, Hans Globke, Reichsbürgergesetz, Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, Gesetz zum Schutz der Erbgesundheit des deutschen Volkes. München 1936.
(11) Essner, Die "Nürnberger Gesetze", S. 114f.
(12) Essner, Die "Nürnberger Gesetze", S. 115.
(13) Essner, Die "Nürnberger Gesetze", S. 127, Anm. 74.
(14) Essner, Die "Nürnberger Gesetze", S. 254 und 279.
(15) Bevers, Der Mann hinter Adenauer, S. 170f.
(16) Zitat des Berichts aus Jerusalem nach Bonn aus Bevers, Der Mann hinter Adenauer, S. 194.
(17) Zur Geschichte von Strecker und seinem Buch über Dr. Globke siehe Gottfried Oy, Christoph Schneider, Die Schärfe der Konkretion. Reinhard Strecker, 1968 und der Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Historiographie. 2. Auflage Münster: Westfälisches Dampfboot, 2014, hier vor allem S. 61ff.
(18) Bevers, Der Mann hinter Adenauer, S. 197.
(19) Bevers, Der Mann hinter Adenauer, S. 196.
(20) Vgl. über den Schauprozess gegen H. Globke Christian Dirks, "Die Verbrechen der anderen". Auschwitz und der Auschwitz-Prozeß in der DDR: Das Verfahren gegen den KZ-Arzt Dr. Horst Fischer. Paderborn, München, Wien, Zürich: Schöning, 2004, S. 63ff.

* * *

Ausschuss für deutsche Einheit (Hrsg.), Globke und die Ausrottung der Juden. Berlin (Ost) 1960.

Jürgen Bevers, Der Mann hinter Adenauer. Hans Globkes Aufstieg vom NS-Jursiten zur Grauen Eminenz der Bonner Republik. Berlin: Christoph Links, 2009.

Bericht von T. Naftali über die Zusammenarbeit von CIA und BND im Fall Globke.

Das Urteil im Wilhelmstrassen-Prozess. Der amtliche Wortlaut der Entscheidung im Fall 11 des Nürnberger Militärtribunals gegen von Weizsäcker und andere. Hrsg. unter Mitarb. v. C. H. Tuerck. Bürger: Schwäbisch Gmünd, 1950.

Christian Dirks, "Die Verbrechen der anderen". Auschwitz und der Auschwitz-Prozeß in der DDR: Das Verfahren gegen den KZ-Arzt Dr. Horst Fischer. Paderborn, München, Wien, Zürich: Schöning, 2004.

"EICHMANN TRIAL". Central Intelligence Agency, 6. April 1961, abgerufen am 27.02.2015.

Cornelia Essner, Die "Nürnberger Gesetze" oder Die Verwaltung des Rassenwahns 1933-1945. Schöningh: Paderborn, München, Wien, Zürich 2002.

Hans-Christian Jasch, Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Budenpolitik - Der Mythos von der sauberen Verwaltung. München: Oldenburg, 2012.

Erik Lommatzsch, Hans Globke (1898–1973). Beamter im Dritten Reich und Staatssekretär Adenauers. Frankfurt am Main, New York: Campus, 2009.

Reinhard-M. Strecker (Hrsg.), Dr. Hans Globke. Aktenauszüge, Dokumente. Hamburg: Rütten & Loening, 1961.

Wilhelm Stuckart, Hans Globke, Reichsbürgergesetz, Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, Gesetz zum Schutz der Erbgesundheit des deutschen Volkes. München 1936.

Conrad Taler, „An den Wurzeln des Unheils. Über Fritz Bauers Wirken als politischer Mensch“, in: Ders., Asche auf vereisten Wegen – Berichte vom Auschwitz-Prozess. Köln: PapyRossa 2015, S. 134-142.

DDR-Justiz und NS-Verbrechen. Das Urteil gegen Dr. Hans Josef Maria Globke, 23. Juli 1963

Wolfgang Bayer, Dr. Max Merten - Ein Militärbeamter der deutschen Wehrmacht im Spannungsfeld zwischen Legende und Wahrheit. Universität Mannheim (Diss.) 2003. Das Dokument wird vom Publikationsserver der Universität Mannheim bereitgestellt.


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