DER ERSTE FRANKFURTER AUSCHWITZ-PROZESS 1963-1965


Vorgeschichte       Spurensuche und Anklage in der Strafsache "Auschwitz-Prozess - 4 Ks 2/63"       Ablauf der Verhandlung       Prozessbeteiligte Richter, Geschworene, Staatsanwälte, Nebenkläger, Verteidiger       Auschwitz-Überlebende als Zeuginnen und Zeugen       Sachverständigengutachten von Historikern und Medizinern       Gericht am Tatort - "Augenscheinseinnhame"       Das Urteil im August 1965       "Im Namen des Volkes" - Nur wenige Verantwortliche       Vielstimmiges Echo auf den Auschwitz-Prozess       Dokumentation des Auschwitz-Prozesses       Anmerkungen und Literatur       


"Die Gerichte (...) haben in einer sehr großen Zahl von Fällen von nazistischen Verbrechen nicht Täterschaft, sondern lediglich Beihilfe angenommen; das ist nicht nur bei kleinen Tätern geschehen, sondern auch bei hohen Funktionären der nazistischen Hierarchie. Hinter der bei Gerichten bis hinauf zum Bundesgerichtshof beliebten Annahme bloßer Beihilfe steht die nachträgliche Wunschvorstellung, im totalitären Staat habe es nur wenige Verantwortliche gegeben, es seien nur Hitler und ein paar seiner Allernächsten gewesen, während alle übrigen lediglich vergewaltigte, terrorisierte Mitläufer und depersonalisierte und dehumanisierte Existenzen waren, die veranlasst wurden, Dinge zu tun, die inneren völlig wesensfremd waren. (...) Dergleichen hat mit der historischen Wahrheit wenig zu tun."
Fritz Bauer

Vorgeschichte

Eines der wichtigsten Ergebnisse des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses von 1963 bis 1965 war, dass er überhaupt zustande kam. Fast zur gleichen Zeit, als die Bemühungen des Generalsekretärs des Internationalen Auschwitz-Komitees in Wien, Hermann Langbein (1912-1995), zu einem ersten Haftbefehl gegen einen Auschwitz-Täter in Stuttgart führten, gelangten durch Zufall Auschwitz-Dokumente in die Hand des hessischen Generalstaatsanwalts.

Von dem Journalisten der Frankfurter Rundschau Thomas Gnielka (1928-1965) erhielt Dr. Bauer mit Schreiben vom 15. Januar 1959 eine umfangreiche Liste mit Namen von SS-Männern der Kommandantur in Auschwitz und des SS- und Polizeigerichts XV in Breslau, die Häftlinge „auf der Flucht“ erschossen hatten. Der Generalstaatsanwalt, den Beweiswert des Materials erkennend, übergab die Dokumente zusammen mit einer Namensliste von Auschwitzer SS-Funktionären dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe, der im Frühjahr 1959 die Zuständigkeit für das Ermittlungsverfahren im Auschwitz-Komplex der Staatsanwaltschaft am Landgericht Frankfurt/Main übertrug.

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Spurensuche und Anklage in der Strafsache "Auschwitz-Prozess - 4 Ks 2/63"

Von Frankfurt aus setzten die von Dr. Bauer beauftragten jungen Staatsanwälte Joachim Kügler, Georg Friedrich Vogel und Gerhard Wiese eine Spurensuche in Gang, die – was den Umfang, aber auch die Ergebnisse betrifft – kaum ihresgleichen hat. Durch die Initiative des Generalstaatsanwalts entwickelte sich ein in jeder Beziehung ungewöhnliches Ermittlungsverfahren. In Zusammenarbeit mit dem Internationalen Auschwitz-Komitee gelang es sogar, Grenzen zu überwinden, die damals, in Folge des „Eisernen Vorhangs“, für unüberwindlich galten.

Lagerpläne und Landkarten von Auschwitz
© picture alliance

Die Bundesrepublik hatte noch keinerlei diplomatische Beziehungen zu Polen, wo das hauptsächliche Quellenmaterial aufzufinden war; erst 1963 konnten wechselseitige Handelsvertretungen errichtet werden. Schon gar nicht gab es Kontakte zu Justizinstanzen der DDR. Die polnischen Behörden, vertreten durch den Juristen Professor Dr. Jan Sehn (1909-1965) als Bevollmächtigten des Justizministers, betrachteten, wie sie später anlässlich der Ortsbesichtigung des Gerichts in Auschwitz ausdrücklich erklärten, diese Kontaktaufnahme als „Präzedenzfall“, um „Wege zwischen Staaten und Völkern zu ebnen, selbst wenn zwischen solchen Staaten keine normalen Beziehungen bestünden“ (Sehn). (1)

So waren die Ermittler Kügler und Vogel in der Lage, bereits im August 1960 an den Tatort Auschwitz zu reisen und dort das Gelände des Konzentrationslagers zu besichtigen sowie einschlägige Dokumente einzusehen. Hinzu kamen die Unterlagen, die Jan Sehn, der auch Mitglied der Hauptkommission zur Untersuchung der Nazi-Verbrechen in Warschau war, zugänglich machte. Bereits im Januar 1960 hatte die Staatsanwaltschaft eine Liste erstellt, wonach nicht weniger als 599 SS-Funktionäre verdächtigt wurden, an Tötungsdelikten in Auschwitz beteiligt gewesen zu sein. Wie zielstrebig Dr. Bauers "junge Garde" arbeitete, kann an einem Beispiel verdeutlicht werden: 1960, als die Olympischen Spiele in Rom stattfanden und dabei ein Segler namens Mulka eine Medaille gewann und auf den Sportseiten der Tageszeitungen gefeiert wurde, schlossen diese konsequent vom Sohn auf den Vater. Und so wurde Robert Mulka entdeckt und verhaftet, ehedem SS-Hauptsturmführer und lange Zeit Adjutant des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß (dessen Gefängnisniederschrift, 1958 veröffentlicht, das bis dahin bedeutsamste Quellenzeugnis über das Vernichtungslager war). (2)

Der Angeklagte Robert Mulka im Gespräch
mit einem Prozessbeobachter
© picture alliance

Robert Mulka wurde der Hauptangeklagte im Frankfurter Prozess und protokollarischer Namensgeber für die „Strafsache gegen Mulka und andere“ (Aktenzeichen: 4 Ks 2/63). Nach Abschluss zweijähriger Ermittlungen beantragte die Staatsanwaltschaft am 12. Juli 1961 die Eröffnung der gerichtlichen Voruntersuchung unter Vorlage von 52 Bänden Hauptakten, darunter 600 Vernehmungsprotokollen.

Die Anklageschrift in der „Strafsache Baer und andere“, die am 16. April 1963 beim Landgericht Frankfurt/M. eingereicht wurde, richtete sich gegen 24 Beschuldigte. Der zur Tatzeit ranghöchste Richard Baer, SS-Sturmbannführer und der letzte Kommandant von Auschwitz, starb vor Prozessbeginn, so dass Mulka seine Stelle einnahm. Während der Verhandlung wurde das Verfahren gegen den Angeschuldigten ehemaligen SS-Rottenführer Gerhard Neubert am 23. Juli 1964 abgetrennt, und zwei Angeklagte, Heinrich Bischoff (zur Tatzeit SS-Sturmbannführer, 1964 gestorben) und Hans Nierzwicki (zur Tatzeit SS-Unterscharführer), schieden wegen Krankheit aus, so dass am Ende noch 20 Angeklagte vor Gericht standen. Sie alle hatten besondere Funktionen in Auschwitz. Im Eröffnungsbeschluss des Gerichts vom 7. Oktober 1963 wurden sie wegen Mord oder als Gehilfen bei der Begehung von Mordverbrechen angeklagt - was der Staatsanwaltschaft bereits bedeutete, dass sie sich mit ihrer Rechtsauffassung nicht durchsetzen konnte: Sie hatte die Beteiligten der Täter- und Mittäterschaft beschuldigt.

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Ablauf der Verhandlung

Das Auschwitz-Verfahren 4 Ks 2/63, später der große Auschwitz-Prozess genannt, wurde am 20. Dezember 1963 vor dem Schwurgericht am Landgericht Frankfurt am Main eröffnet. Ab April 1964 trat das Gericht, das zunächst im Plenarsaal des Frankfurter Stadtparlaments tagte, im gerade fertiggestellten Bürgerhaus Gallus zusammen, wo Platz war für 143 Zuhörer und 124 Pressevertreter. Nach inoffiziellen Schätzungen nahmen etwa 20.000 Besucher am Prozessgeschehen teil, darunter viele Schulklassen. Das Gericht verhandelte in 20 Monaten an insgesamt 183 Verhandlungstagen. Es war das zum damaligen Zeitpunkt umfangreichste Verfahren der deutschen Justizgeschichte. Die Zeitschrift Die Tat veröffentlichte bald nach Prozessbeginn einen Artikel über den Anlauf des Verfahrens.


Lügen werden nicht geahndet
Große Rechte für Angeklagte – Der verfahrensmäßige Ablauf des Auschwitz-Prozesses

"Der Oberstaatsanwalt beim Landgericht Frankfurt hat zum besseren Verständnis des verfahrensmäßigen Ablaufs des Auschwitz-Prozesses in einer Presse-Information einen Überblick über die Einrichtung des deutschen Schwurgerichtsprozesses und über seine Verfahrensregeln gegeben. (…) Das Schwurgericht, das in Frankfurt gegen Auschwitz-Verantwortliche verhandelt, ist entgegen seiner Bezeichnung kein eigentliches Schwurgericht, sondern ein erweitertes Schöffengericht. Unter Schwurgericht im technischen Sinne – wie es heute etwa noch in England existiert – versteht man einen Spruchkörper, bei dem die Geschworenen allein über die Schuldfrage, die Berufsrichter allein über die Frage der Strafzumessung entscheiden.

Oberstaatsanwalt Dr. Hans Großmann
im Gerichtssaal "Haus Gallus"
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Beim deutschen Schwurgericht hingegen treffen Geschworene und Richter – wie beim Schöffengericht – gemeinsam die Entscheidung, und zwar sowohl in der Schuld- als auch in der Straffrage. Das Schwurgericht entscheidet in der Besetzung von drei Berufsrichtern und sechs Geschworenen. Neben ihnen nehmen an dem gegenwärtigen Verfahren zwei Ergänzungsrichter sowie fünf Ergänzungsgeschworene teil. Die Ergänzungsrichter und die Ergänzungsgeschworenen werden zur Beratung und Entscheidung nur zugezogen, falls ein mitwirkender Richter ausfällt. Diese Maßnahme ist notwendig, weil nach Paragraph 226 StPO die Personen, die später das Urteil finden sollen, ununterbrochen an der Sitzung teilgenommen haben müssen, so daß beim Ausfall eines Richters oder Geschworenen die gesamte Hauptverhandlung wiederholt werden müßte. 
Bemerkenswert ist im deutschen Prozeß die Position der Staatsanwaltschaft. Der Staatsanwalt sitzt, wenn auch an einem eigenen Tisch, im gleicher Höhe wie das Gericht. Das heute eine symbolische Bedeutung. Der Staatsanwalt ist nicht Partei wie im anglo-amerikanischen Prozeß etwa der Prosecutor oder der Ankläger, zu dem jeder beliebige Rechtsanwalt berufen werden kann, sondern Organ der Rechtspflege. Im Gegensatz zu dem Ankläger des anglo-amerikanischen Rechts hat der deutsche Staatsanwalt nicht nur Beweise für die Schuld des Angeklagten zu suchen, sondern auch alle Entlastungsbeweise zusammenzutragen. 
Dieser Funktionsrahmen wirkt sich auch auf die Stellung des Verteidigers aus. Gleichwohl übt er in seiner bewußt einseitig ausgestalteten Stellung als Beistand des Angeklagten eine wichtige Kontroll- und Überwachungsfunktion aus. Deshalb gewährt das deutsche Recht dem Angeklagten bei Kapitalverbrechen, wie z.B. Mord, auch immer einen Pflichtverteidiger, der – ebenso wie Richter und Geschworenen – während der ganzen Hauptverhandlung anwesend sei muß. Um allen Eventualitäten vorzubeugen, erhielt im Auschwitz-Prozeß jeder Angeklagte einen Ersatzpflichtverteidiger. Es ist dabei durchaus zulässig, daß, sofern keinen Kollisionen auftreten können, der Verteidiger eines Angeklagten zugleich Ersatzpflichtverteidiger eines anderen Angeklagten ist. Auch die Position des Angeklagten ist im deutschen und anglo-amerikanischen Recht durchaus verschieden. Der Angeklagte ist eben nicht Partei, die einem Ankläger gegenübersteht, sondern weit mehr Gegenstand der Untersuchung. Deshalb ist er auch nicht etwa gehalten, Entlastungsbeweise beizubringen. 
Das Gericht selbst muß zusammen mit den übrigen Verfahrensbeteiligten die objektive Wahrheit über den Angeklagten und seine Taten ermitteln. 
Daraus folgt, daß dem deutschen Gericht eine ganz andere Aufgabe zukommt, als dem anglo-amerikanischen Richter. Der deutsche Richter hat nicht bei dem Kampf zwischen Anklage und Verteidigung – gewissermaßen als Schiedsrichter – die Einhaltung der Verfahrensregeln zu überwachen; er ist vielmehr diejenige Person, die während der Verhandlung hauptsächlich tätig zu werden hat.

Ein Kameramann filmt die Karte der Lager in Polen
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Die Hauptverhandlung selbst geht folgendermaßen vor sich: Sie beginnt mit dem Aufruf der Sache, daß heißt dem Aufruf der Angeklagten und ihrer Verteidiger, der Zeugen und Sachverständigen. Es folgt die Vernehmung der Angeklagten zur Person, das heißt über ihre persönlichen Verhältnisse. Anschließend wird der Eröffnungsbeschluß verlesen. Nur die Taten, die im Eröffnungsbeschluß genannt werden, können später zum Gegenstand des Urteils gemacht werden. Andererseits muß aber auch über den gesamten dort geschilderten Sachverhalt entschieden werden. Es folgt nun die Vernehmung der Angeklagten zur Sache. Die Vernehmung erfolgt durch den Vorsitzenden des Gerichts; es können aber auch die übrigen Verfahrensbeteiligten Fragen an ihn richten. Eine Vereidigung des Angeklagten findet nicht statt; das würde sich mit seinem Recht, sich auch durch bewußt unwahre Behauptungen zu verteidigen, nicht vertragen. Legt der Angeklagte ein Geständnis ab, dann ist – anders als im deutschen Zivilprozeß und im anglo-amerikanischen Strafprozeß – die Beweisaufnahme noch nicht beendet. Da die materielle Wahrheit ermittelt werden soll, das heißt das Gericht das tatsächliche Geschehen herauszufinden hat, muß auch die Richtigkeit des Geständnisses erwiesen sein. Nach Abschluß der Beweisaufnahme erhalten zunächst die Staatsanwaltschaft, dann die Verteidigung das Wort zu den Plädoyers; beide haben das Recht zur Erwiderung. Danach werden die Angeklagten befragt, ob sie selbst noch etwas zu ihrer Verteidigung auszuführen haben. Es folgen die geheime Beratung und die Abstimmung über Schuld- und Straffrage, bei der die Geschworenen das gleiche Stimmrecht wie die Berufsrichter haben. Das Abstimmungsergebnis braucht nicht einstimmig gefaßt zu werden; wie in den meisten amerikanischen Staaten genügt eine Zweidreimehrheit bei den Angeklagten nachteiligen Entscheidungen, im übrigen sogar – wie in Frankreich bei allen Fragen – die bloße einfache Mehrheit. Die Sitzung schließt mit der Urteilsverkündung durch Verlesung des Urteilsspruchs und der, meist mündlichen, Bekanntgabe der Urteilsgründe."

Die Tat , 1. Februar 1964

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Prozessbeteiligte Richter, Geschworene, Staatsanwälte, Nebenkläger, Verteidiger

Der Gerichtshof war mit insgesamt neun Richtern besetzt:
- mit Landgerichtsdirektor Hans Hofmeyer als Vorsitzendem Richter (im Laufe des Verfahrens zum Senatspräsidenten befördert),
- mit zwei Berufsrichtern als Beisitzern: Landgerichtsrat Josef Perseke (später zum Landgerichtsdirektor befördert) sowie Amtsgerichtsrat Walter Hotz, 
- mit sechs Laienrichtern (Geschworenen): Gertrud Flach, von Beruf Hausfrau; Else Häbich, Hausfrau; Adolf Holzhäuser, Arbeiter; Erna Grab, Hausfrau; Ernst Kadenbach, Kohlenhändler; Emma Kotzur, Verwaltungsangestellte; die zwei letztgenannten waren anfänglich Ersatzgeschworene und mußten im Laufe der Verhandlung an die Stelle von zwei erkrankten Geschworenen treten.
- Ersatzrichter (Berufsrichter) waren: Landgerichtsrat (später Landgerichtsdirektor) Werner Hummerich sowie Landgerichtsrat Günter Seiboldt. 

- Als Ersatzgeschworene waren drei Laienrichter anwesend: die Hausfrau Elise Knodel, der Amtmann Ferdinand Link und die Hausfrau Anna Mayer; diese fünf als Ersatzrichter Eingeteilten hatten an allen Sitzungen teilzunehmen, so daß keinerlei Unterbrechung durch Ausfall einer Gerichtsperson eintreten konnte.

Der Ostberliner Anwalt und Neben-
kläger im Auschwitz-Prozess,
Dr. Friedrich Karl Kaul (1906-1981),
provozierte den Verteidiger Dr. Hans Laternser, der versuchte, die Über-
lebenden aus den Ostblockländern
als unglaubwürdig hinzustellen
© picture alliance

Die Anklage vertraten vier Staatsanwälte: Dr. Hans Großmann, Erster Staatsanwalt (später zum Oberstaatsanwalt befördert) sowie die Staatsanwälte Joachim Kügler, Georg Friedrich Vogel und Gerhard Wiese, der zu Beginn Gerichtsassessor war.

Als Nebenkläger waren zugelassen: der Frankfurter Rechtsanwalt Henry Ormond sowie sein Kollege Christian Raabe, die 15 Hinterbliebene von Auschwitz-Opfern aus verschiedenen Ländern vertraten, sowie der Ostberliner Rechtsanwalt Dr. Friedrich Karl Kaul, der Familienangehörige von Auschwitz-Opfern vertrat, die in der DDR lebten. 

Die Verteidiger der Angeklagten, durchweg Rechtsanwälte, die zum Teil schon in früheren Kriegsverbrecher- bzw. Prozessen wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen tätig geworden waren:
Dr. Hermann Stolting II (für Mulka, Höcker, Bednarek); Dr. Rainer Eggert (für Mulka, Höcker, Dr. Lucas, Bednarek); Dr. Herbert Ernst Müller (Mulka); Dr. Rudolf Aschenauer (Boger, Dr. Lucas); Benno Erhard (Stark); Karlheinz Staiger (Stark, Schobert, Hofmann); Dr. Hans Laternser (Dylewski, Broad, Dr. Frank, Dr. Schatz, Dr. Capesius); Engelbert Joschko (Schobert, Baretzki, Hantl); Georg Bürger (Schlage); Dr. Hans Fertig (Schlage, Klehr, Breitwieser); Rudolf Heymann (Hofmann); Gerhard Göllner (Hofmann, Klehr); Dr. Friedrich Jugl (Kaduk); Dr. Anton Reiners (Kaduk, Scherpe); Eugen Gerhardt (Baretzki); Dr. Wolfgang Zarnack (Breitwieser); Dr. Hans-Peter Ivens (Dr. Lucas); Fritz Steinacker (Dr. Frank, Dr. Schatz, Dr. Capesius); Hans Knögel (Scherpe); Herbert Naumann (Hantl); Hans Schallock (Boger).

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Auschwitz-Überlebende als Zeuginnen und Zeugen

Als Zeugen wurden im Auschwitz-Prozess 356 Personen gehört (einige davon mehrmals), darunter waren 211 ehemalige Auschwitz-Häftlinge, 85 SS-Angehörige sowie 61 sonstige Zeugen, zum Beispiel Angehörige der Angeklagten, Angestellte der I.G. Farben-Industrie AG, Siemens-Angestellte oder auch sachverständige Zeugen wie Danuta Czech vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau oder Kurt Hinrichsen von der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen.

Hervorzuheben ist, dass die ungemein intensiv arbeitende Staatsanwaltschaft mit Unterstützung des Internationalen Auschwitz-Komitees mit Sitz in Wien und Warschau in der Lage war, dessen Kontakte zur Volksrepublik Polen in Anspruch zu nehmen. Mit Hilfe des Auschwitz-Komitees und seines Generalsekretärs Hermann Langbein konnten zahlreiche polnische Zeugen, ehemalige Auschwitz-Häftlinge, zur Darstellung ihrer Leidenszeit im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz bewegt werden. Wie schwer es für die Auschwitz-Überlebenden war, noch einmal vor Gericht über die schlimmste Zeit ihres Lebens zu berichten und ihren damaligen Peinigern gegenüber zu treten, kann man sich schwer vorstellen. Fritz Bauer sorgte sich um die Überlebenden und setzte sich dafür ein, "daß die Zeugen in den NS-Prozessen, die aus dem Ausland kamen, fürsorglich betreut wurden. Ideen, an die früher noch niemand gedacht hatte." (3)

Unermessliches Leid so vieler Menschen wurde im Prozess gegenwärtig: zum Beispiel, wenn berichtet wurde, wie in Auschwitz bei der Selektion an der Rampe Mütter von Kindern getrennt wurden; wenn ein 14jähriger Junge im KZ sich schreiend wehrte und die SS-Bewacher anschrie: „Glaubt nicht, daß Euch der Tod erspart bleibt. Ihr werdet so krepieren, wie Ihr uns krepieren laßt“; wenn Boger bedauerte, dass seine „Schaukel“ oder „Sprechmaschine“ zur Erpressung von „Geständnissen“ nicht mehr auf dem Richtertisch stehe; wenn bezeugt wurde, wie Baretzki ein Baby wie einen Fußball zu Tode geschossen hat; oder wie der Zeuge Yehuda Bacon, damals vierzehn Jahre alt, schilderte, er habe die Asche aus den Krematorien auf die vereisten Wege des Konzentrationslagers streuen müssen; wenn ein Überlebender aussagte, dass Boger ein kleines Mädchen mit Zöpfen und in bordeaux-rotem Kleidchen, das ihm treuherzig die Hand reichte, kaltblütig erschoss; wenn von dem damaligen SS-Funktionär Broad berichtet wurde, er habe von seinen SS-Kameraden verlangt, dass sie ihm „diese schöne junge Jüdin“ zur „Behandlung“ überließen; oder wenn ein Überlebender mit dem Finger auf einen Beschuldigten wies, „den ich hier auf der Anklagebank sehe“ und der damals ein kleines Kind in den Armen seiner Mutter erschossen und erst danach auf die zusammengebrochene Frau gezielt habe...

Die überlebenden Auschwitz-Häftlinge nahmen die größte Last in dem Prozess auf sich, indem sie die Zeit des großen Sterbens in Auschwitz wiederaufleben ließen und vor einem deutschen Gericht die Wahrheit bezeugten. Darauf baute Bauers ganze Hoffnung: dass die Aussagen der Überlebenden in der Bevölkerung Mitgefühl und Respekt auslösen würden. In einer Diskussion mit Frankfurter Studenten machte er die Grenze deutlich, an der diese Hoffnung enttäuscht wurde.

Zu den Träumen, als wir den Prozess konzipiert haben, sagte Dr. Bauer, „gehörte eigentlich die Vorstellung, daß früher oder später einer von den Angeklagten auftreten würde und sagen würde: Herr Zeuge, Frau Zeuge, was damals geschehen ist, war furchtbar, es tut mir leid. […] Die Welt würde aufatmen und die gesamte Welt und die Hinterbliebenen derer, die in Auschwitz gefallen sind, und die Luft würde gereinigt werden, wenn endlich einmal ein menschliches Wort fiele. Es ist nicht gefallen und es wird auch nicht fallen.“ (4) Eine Zuschauerin schrieb noch am selben Tag des Prozess-Besuches in ihr Tagebuch: "Das ganze ist zu ungeheuerlich"...

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Das Ganze ist zu ungeheuerlich

"Freitag, 20. März 1964, Frankfurt,

Jetzt sitze ich wieder zuhause, höre ein Mozart-Konzert, habe gerade Kaffee getrunken, mich mit anderen Leuten über Bergman’s "Schweigen" unterhalten, – kurz, ich tue gerade das, was ich jeden Tag tue, lebe einen der normalen Tage meines normalen Lebens.
Dabei habe ich heute einer Sitzung des Auschwitz-Prozesses beigewohnt, heute früh von 8.30 bis 12.00 und von 14.00 bis 15.30. Ich möchte soviel sagen und kann es einfach nicht. Das ganze ist zu ungeheuerlich. Dabei war heute kein besonders wichtiger Tag. Es wurden 4 Zeugen vernommen, die zwischen 1942 und 1945 im KZ Auschwitz gewesen waren. Es ist kein Wort über die Berechtigung dieses Prozesses zu verlieren, – höchstens darüber, daß er nicht schon sehr viel früher stattgefunden hat. (...)

Zuschauer im Auschwitz-Prozess
© picture alliance

Drei von den Vorgeführten sprechen leise, man hat den Eindruck, daß sie die Wahrheit sagen. Sie machen ihre Aussagen, sie erzählen, wie sie gequält wurden, wie andere gefoltert wurden, sie erwähnen die unmenschlichen Zustände im KZ, fast so, als ob sie sich dafür entschuldigen wollten, daß sie geschlagen wurden. Man merkt, daß sie nicht gerne darüber sprechen. Sie sind nicht darauf aus, Mitleid zu heischen. Wenn sie Hass empfinden, so zeigen sie ihn höchstens durch Verachtung der Angeklagten. Welche Gefühle muß der haben, der mit dem, der ihn einst mißhandelte, im selben Raum sitzt.
Der 4. Zeuge, – in der Reihenfolge der Vernehmung der 2. –, ist eine Ausnahme. Es ist der einzige, der als Vorbestrafter, und nicht aus politischen Gründen, ins KZ kam. Seine Aussagen widersprechen denen, die er 1959 vor dem Landeskriminalamt in Baden-Württemberg gemacht hatte. Er erklärt, nunmehr, seit 1 Jahr, eine Vertrauensstellung als Koch zu haben, die er nicht aufgrund seiner Aussagen kompromittieren wolle. Er müsse Rücksicht auf andersdenkende Kunden nehmen. Er hat Angst, daß er seine Stellung verliert. (...)
All dies ist bedrückend, entsetzlich, aber noch faßbar. 
Unfaßbar ist dagegen die Diskrepanz zwischen dem, was gesagt und worüber verhandelt wird, und dem Rahmen des ganzen. Es ist bekannt, daß in Auschwitz Hunderttausende auf entsetzlichste Weise starben, – hier werden Einzelfälle verhandelt. Hat Boger diesen mißhandelt, waren Sie dabei, haben Sie es gesehen, können Sie es bestimmt sagen, schwören? (...) Wie gesagt, es geht nicht um die Berechtigung des Prozesses. Die Angeklagten sind nicht anders zu fassen, als durch das Eingehen auf Details, auf Einzelfälle und Einzelvorkommnisse. Aber wie unglaublich ist es, die Glaubwürdigkeit eines Zeugen, der die Häftlingsnummer auf den Arm tätowiert vorzeigt, auf Grund sich widersprechender Aussagen anzuzweifeln, wenn man weiß, daß er dort gewesen ist, gelitten hat unter den Angeklagten, die man für schuldig hält, und es dennoch nicht genau weiß oder beweisen kann. 
Die Angeklagten haben genauso das Wort wie die Zeugen, sie dürfen Stellung zum Gesagten nehmen. Sie werden nur mit den Namen aufgerufen, – die Zeugen redet man mit Herr Zeuge an. 
Die Angeklagten wissen selbstverständlich von nichts, wissen es nicht mehr genau, können sich nicht erinnern, waren nicht zuständig, waren nicht beteiligt, hatten in dieser Abteilung nichts zu sagen, waren Ausführende, die sich einem Befehl nicht widersetzen konnten. Ihre Haltung ist derartig undiskutabel, daß darüber nichts weiter gesagt werden kann, – sie sind nicht einmal eine leidenschaftliche Polemik wert. (...) 
In der Mittagspause und danach um 15.30 verläßt man also den Saal und tritt auf die Straße und geht essen. Natürlich muß das alles sein, – selbstverständlich ‚geht das Leben’ weiter, für alle Teile. Aber ich begreife einfach nicht, wie es möglich ist, daß man in einer Stadt über solche Dinge verhandelt, während außenherum nichts und niemand davon Notiz nimmt. Eigentlich erwarte ich das ja auch gar nicht, – ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie das geschehen sollte, und dennoch bestürzt mich dieses (wenigstens äußerliche) Funktionieren der Außenwelt, das unbeteiligte Leben all der andern, während über Dinge geredet wird, die ebenfalls von Menschen begangen wurden. Denn es sind Menschen, wenn sich auch alles in mir sträubt, die Angeklagten als solche bezeichnen, – und nicht als stumpfsinnige Maschinen. (...)
Wie ist es eigentlich möglich, solche Monstrositäten zu sehen, davon zu hören, ohne wahnsinnig zu werden? (...) Aber ich bin ja auch nicht wahnsinnig geworden, und nicht verzweifelt. (Und morgen fahre ich zu Verwandten auf Konfirmation und stopfe mich mit Kuchen voll.) (...) 
Überhaupt das Publikum. Alte Frauen, alte Männer (Rentner?), viel Mittelalter, beide zusammen überwiegen. Verhältnismäßig wenig Jugend. Auch das ist erschreckend. Weniger weil es Desinteresse an der deutschen Vergangenheit bekundet, sondern vielmehr Distanzierung von etwas, was unangenehm und schmerzlich ist bedeutet. Desinteresse an einem Phänomen des 20. Jh., an diesem Menschen. Wenn ich den Anspruch erhebe, ein Mensch zu sein, muß mich dieser Prozeß interessieren. Und wenn ich ein Deutscher bin, ganz besonders." 

Quelle: Renée Arons geborene Postius, erstmals, etwas kürzer noch, gedruckt in: Irmtrud Wojak (Hrsg.), Auschwitz-Prozess. 4 Ks 2/63. Frankfurt am Main. Köln, Gent: Snoeck, 2014, S. 273f.

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"Zuschriften zustimmend" und "Drohbriefe"

...so betitelte die Frankfurter Staatsanwaltschaft zwei Akten während des Auschwitz-Prozess, wobei allerdings die Akte "Drohbriefe" umfangreicher ausfiel. Die Briefe, einige davon mit Hakenkreuzen, richteten sich an Dr. Bauer und die Staatsanwälte, die mit den Ermittlungen beauftrgat waren. Unter den "Zuschriften zustimmend" waren namhafte Autoren, Wissenschaftler und Journalisten aus dem In- und Ausland, die den Prozess als Zuschauer besuchen wollten. Um nur drei Beispiele zu nennen: Kurt Grossmann (USA), Saul Esh (Israel) und Elisabeth Freundlich (Österreich) wandten sich deswegen an Dr. Bauer. Empörung über das milde Urteil fehlte in den Briefen ebensowenig.

Briefe an die Staatsanwaltschaft

    &nbsp
Telegramm an Herrn Direktor Hofmeister
Dezember 1963
  Brief an Dr. Fritz Bauer
26. Januar 1964
  Brief an Dr. Bauer
14. September 1965

                                    Quelle: Staatsanwaltschaft beim LG Frankfurt am Main


Sachverständigengutachten von Historikern und Medizinern

Eine besondere Rolle im Prozess spielte, dass auf Initiative von Dr. Bauer eine Reihe sachverständiger Historiker und Mediziner als Gutachter gehört wurde und ausführlich darlegen konnte, was die Wissenschaft bis dahin über den Holocaust und speziell über das Vernichtungslager Auschwitz erarbeitet hatte. Zum damaligen Zeitpunkt gab es noch kaum historische Forschungsarbeiten über das Lagersystem und speziell über Auschwitz, so dass die Gutachter insofern Grundlagenforschung leisteten. Vom Münchner Institut für Zeitgeschichte trugen folgende Gutachter vor:
- Dr. Martin Broszat (geb. 1926) über die "Nationalsozialistische Polenpolitik" und "Die Entwicklung der nationalsozialistischen Konzentrationslager",
- Dr. Hans Buchheim (geb. 1922) über "Die Organisation von SS und Polizei unter nationalsozialistischer Herrschaft" und "Das Problem des Befehlsnotstandes bei den vom nationalsozialistischen Regime befohlenen Verbrechen aus historischer Sicht" 
- Dr. Helmut Krausnick (geb. 1905) über "Nationalsozialistische Judenpolitik unter besonderer Berücksichtigung der Judenverfolgung".

Weitere Sachverständigengutachten trugen vor:
- Prof. Dr. Hans-Adolf Jacobsen (geb. 1925) von der Universität Bonn über den "Kommissarbefehl" und 
- Prof. Dr. Jürgen Kuczynski von der Humboldt-Universität (Ost-Berlin) ein Gutachten über die "Verflechtung der wirtschaftlichen Unternehmen mit der Leitung der Konzentrationslager", sein Gutachten wurde allerdings wegen Unsachlichkeit vom Gericht abgelehnt. 

Medizinische Gutachten wurden von Medizinaldirektor Dr. Helmut Lechler (über Jugendgerichtsbarkeit) und Dr. Karl Luff von der Universität Frankfurt/M. (zum selben Thema) sowie von Chefarzt Dr. Günther Vetter vorgetragen.

In der Hauptverhandlung wurden 56 Protokolle und andere Schriftstücke verlesen, davon 39 Vernehmungsniederschriften von Auschwitz-Überlebenden. Hinzu kamen zahlreiche Urkunden und Dokumente, die zwar über die individuelle Schuld der Angeklagten weniger Aufschluss gaben, jedoch zur Aufklärung der Verbrechensumstände beitrugen, u. a. das Bunkerbuch des Blocks 11 in Auschwitz, die Sterbebücher, Fahrbefehle, Überstellungslisten, Standort- und Kommandanturbefehle, der Broad-Bericht, den der Auschwitz-Häftling Pery Broad nach dem Krieg verfaßt hatte, das Tagebuch des SS-Arztes Prof. Dr. Johann Paul Kremer und die Gefängnis-Aufzeichnungen des ersten Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, der inzwischen von einem polnischen Gericht verurteilt und hingerichtet worden war. (5)

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Gericht am Tatort - "Augenscheinseinnahme"

Augenscheinseinnahme in Auschwitz
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Besonders hervorzuheben ist, dass es dem Gericht gelang, vom 14. bis 16. Dezember 1964 eine Ortsbesichtigung ("Augenscheinseinnahme") in Auschwitz durchzuführen. Fritz Bauer selbst wollte damals nach Auschwitz reisen zur Tatort-Besichtigung, doch dazu kam es dann doch nicht, das Visum kam nicht rechtzeitig an.

Rechtsanwalt Henry Ormond legte dem Gericht am 53. Verhandlungstag den Antrag auf Besichtigung des Tatorts vor, ausgerechnet in einer Zeit politisch harter Fronten zwischen der Bundesrepublik und Polen, das wegen der bundesdeutschen Haltung zur polnischen Westgrenze die eigene nationale Existenz bedroht sah. Der Kalte Krieg prägte das Verhältnis zischen den beiden Staaten. Dennoch gelang es Ormond in enger Abstimmung mit seinem Kollegen Jan Sehn, Direktor des Kriminologischen Instituts der Universität Krakau, den Lokaltermin durchzusetzen. Sie erhielten die Vollmacht des polnischen Justizministeriums und die DDR garantierte eine ungehinderte Durchreise, um den Eindruck eines Alleingangs seitens der polnischen Regierung zu vermeiden. Damit war der Ortstermin zu einer internationalen Angelegenheit geworden.

Die Bundesregierung konnte ohne Ansehensverlust die "Augenscheinseinnahme" kaum ablehnen und so taten die deutschen Behörden auf diplomatischer Ebene nichts, um die Sache zu befördern, aber sie konnten sie aufgrund des polnischen Entgegenkommens - ein deutscher Richter sollte auf polnischem Boden im KZ Auschwitz Amtshandlungen vornehmen! - auch nicht verhindern. Unter Leitung von Amtsgerichtsrat Walter Hotz, der Mitglied des Frankfurter Schwurgerichts war, fuhren 24 Prozessbeteiligte am 12. Dezember 1964 für sechs Tage nach Polen: 11 Verteidiger, drei Staatsanwälte, drei Vertreter der Nebenklage, ein Protokollführer, zwei Justizwachtmeister, ein Gerichtsfotograf und eine Dolmetscherin. Nur ein Angeklagter, der frühere SS-Arzt Dr. Franz Bernhard Lucas, brachte den Mut auf, an den Tatort zurückzukehren und erneut durch das Lagertor von Auschwitz zu gehen.

Die Ortsbesichtigung hatte sowohl aus juristischer wie aus psychologischer Sicht ihre Nachwirkungen. Zum einen konnte sich kaum jemand der Wirkung des Ortes entziehen, an dem die Spuren der Vernichtung damals sichtbarer waren als heute, wo sie musealisiert sind. Zum anderen konnten die Aussagen der beschuldigten SS-Leute großteils widerlegt werden, während sich die der ehemaligen KZ-Häftlinge bestätigten. Damit verfügte das Gericht über eine weitaus gefestigtere Beweislage als vorher. Die Ergebnisse wurden in einem 23-seitigen Protokoll festgehalten. Die Ortsbesichtigung, heißt es, war aber auch für die das deutsch-polnische Verhältnis einschneidend, da der Justiz gelang, was die Politik erst später erreichte: "Entspannung im Zeichen von Verständigung und Aussöhnung." (6)

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Das Urteil im August 1965

Aufgrund der Rechtsauffassung des Gerichts konnten lange Zeit die meisten der Beschuldigten im Auschwitz-Prozess auf freiem Fuß erscheinen, selbst der stellvertretende Kommandant Mulka, der Folterknecht Boger, Kaduk, Klehr und Baretzki, und erst nach dem im Einzelnen offensichtlich gemachten Tatverdacht dann im Gerichtssaal in Haft genommen werden. So war unter anderem möglich, dass der namengebende Hauptangeklagte Mulka es sich als wohlhabender Exportkaufmann nach müheloser Hinterlegung einer Kaution von 50.000 DM leisten konnte, jedes Wochenende mit dem Schnellzug Erster Klasse nach Hamburg zu fahren. Es kam auch vor, daß ehemalige SS-Funktionäre als Zeugen im Gerichtssaal verhaftet wurden; überhaupt wurde von ihnen nur jeder zweite vereidigt, da sie sich durch ihre Aussage selber höchst verdächtig machten.

Angeklagte im Auschwitz-Prozess
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Wie Staatsanwalt Georg Friedrich Vogel in seiner Beweiswürdigung zum Abschluss des Prozesses erklärte, war das Frankfurter Schwurgerichtsverfahren das Gegenteil eines Schauprozess: „Die Wahrheit ist die härteste Anklage“. Die Anklagebehörde folgte im Wesentlichen der Rechtsauffassung von Generalstaatsanwalt Dr. Bauer, der die bis dahin entwickelte Grundlinie und Praxis der Gerichte, die über NS-Verbrechen zu urteilen hatten, scharf attackierte. Das Auschwitz-Urteil war für ihn ein Schock.

Am 19. und 20. August 1965 verkündete der Vorsitzende Richter Hans Hofmeyer stockend und mit langen Pausen das Urteil. Er sagte, das Gericht sei nicht berufen, die Vergangenheit zu bewältigen. „Das Gericht mußte in den zwanzig Monaten der Prozeßdauer noch einmal im Geiste all die Leiden und Qualen erleben, die die Menschen dort erlitten haben und die mit dem Namen Auschwitz auf immer verbunden sein werden. Es wird wohl mancher unter uns sein, der auf lange Zeit nicht mehr in die frohen und gläubigen Augen eines Kindes sehen kann, ohne daß im Hintergrund und im Geiste ihm die hohlen, fragenden und verständnislosen, angsterfüllten Augen der Kinder auftauchen, die dort in Auschwitz ihren letzten Weg gegangen sind.“ (7)

Die Richter im Auschwitz-Prozess stellten fest, dass sich die Angeklagten der Unrechtmäßigkeit der "Endlösung der Judenfrage" bewusst gewesen seien. Der Angeklagte Mulka hatte die Massentötungen im Prozess als "himmelschreiendes Unrecht" bezeichnet. Die Angeklagten konnten sich auch nicht auf Befehlsnotstand oder Nötigung berufen, ob sie nun Schreibtisch- oder Exzesstäter oder so genannte Routinemassenmörder waren. Dennoch wurden nur sechs Angeklagte wegen Mordes oder gemeinschaftlichen Mordes verurteilt. Der Angeklagte Hans Stark, der als Jugendlicher in Auschwitz Dienst getan hatte, wurde wegen gemeinschaftlichen Mordes mit zehn Jahren Zuchthaus bestraft. Die restlichen zehn Angeklagten jedoch wurden - bei drei Freisprüchen - lediglich wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord verurteilt. Sie erhielten Zuchthausstrafen zwischen dreieinhalb und vierzehn Jahren. Sogar der stellvertretende Lagerkommandant Robert Mulka war für das Gericht bloß ein Gehilfe.

Indem das Gericht in der Mehrheit der Fälle nicht Täterschaft, sondern lediglich Beihilfe annahm, entsprach es der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs. Den Schluss, dass die generelle Bejahung eines Rechtsbewusstseins umgekehrt auch die Bejahung eines entsprechenden Unrechtsbewusstseins nach sich ziehen müsste, zogen die Richter nicht.

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Verbrechen gegen die Menschlichkeit

   
Frankfurter Allgemeine Zeitung
13. August 1965
  Frankfurter Allgemeine Zeitung
28. August 1965
  Die Tat
28. August 1965

 

"Im Namen des Volkes" - Nur wenige Verantwortliche

Fritz Bauer betrachtete die Gehilfenrechtsprechung des Auschwitz-Urteils unter dem Titel "Im Namen des Volkes" als eine "beliebte Annahme", hinter der "die nachträgliche Wunschvorstellung" stehe, "im totalitären Staat der Nazizeit habe es nur wenige Verantwortliche gegeben, es seien nur Hitler und ein paar seiner Allernächsten gewesen, während alle übrigen lediglich vergewaltigte, terrorisierte Mitläufer oder depersonalisierte und dehumanisierte Existenzen waren, die veranlaßt wurden, Dinge zu tun, die ihnen völlig wesensfremd gewesen sind." Der Jurist betrachtete „den Versuch, das totale Geschehen, z. B. den Massenmord an Millionen in den Vernichtungslagern, in Episoden aufzulösen“, als eine "Atomisierung und Parzellierung" des kollektiven Geschehens, was nicht mit der historischen Wirklichkeit übereinstimme.

Demgegenüber vertrat die gängige Rechtsprechung der höchstrichterlichen Instanzen (auch des Bundesgerichtshofes im späteren Revisionsverfahren) die Ansicht, dass es zwar einerseits die Haupttäter gegeben habe, also Hitler, Himmler, Göring, Heydrich und andere, welche die "Endlösung der Judenfrage" geplant und befohlen hatten – andererseits jedoch die Ausführungsorgane, die überwiegend als Gehilfen zu betrachten seien. Denn, so das Frankfurter Gericht in seinem Urteil, die "gesamten Vernichtungsaktionen (können) nicht als eine einzige Handlung angesehen werden", da das deutsche Strafrecht den Tatbestand des organisatorischen Massenmords nicht gelten lasse.

Heute Abend Kellerclub", HR 1964:
Dr. Bauer diskutiert mit jungen
Leuten über den
Auschwitz-Prozess
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So stellte das Urteil fest, dass es einer "Vielzahl von Willensentschlüssen der verschiedensten Personen" auf allen zuständigen Ebenen bedurfte, um die "Endlösung" durchzuführen; und da diese Willensbeteiligung an verschiedensten Orten und zu verschiedensten Zeitpunkten stattfanden, könne "nicht von einem Ineinandergreifen der verschiedenen einzelnen Aktionen gesprochen werden". Infolgedessen, so die Schlussfolgerung von Bauer 1965, wich das Frankfurter Schwurgericht "völlig von dem ab, was sonst in unseren Strafprozessen üblich, ja selbstverständlich ist. (...) Die Sach- und Rechtslage war ungewöhnlich einfach: Es gab einen Befehl zur Liquidierung der Juden in dem von den Nazis beherrschten Europa; Mordwerkzeug waren Auschwitz, Treblinka usw. Wer an dieser Mordmaschine hantierte, wurde der Mitwirkung am Morde schuldig, was immer er tat, (...)." (8)

Der hessische Generalstaatsanwalt hatte vorhergesehen, dass sich seine "Lehre" nicht durchsetzen würde. In einer Gesprächsrunde mit Studenten in Frankfurt sagte er 1964, weder er noch die Staatsanwälte hätten auch nur im entferntesten damit gerechnet, daß die Auschwitz-Prozesse, in denen die grenzenlose Not von Millionen zur Sprache kam, sich gegen diese und die wenigen Überlebenden auswirken könnten. Er habe damit gerechnet, daß die Prozesse schockieren und Aversionen auslösen werden, weil sie uns Alternativen vor Augen führen, die nicht ganz einfach sind. "Was wir den Leuten sagen", fuhr er fort, "und was die tiefe Lehre dieser Prozesse ist und was die Leute nicht hören wollen, das ist, daß es in unserem Leben eine Grenze gibt, wo wir nicht mehr mitmachen dürfen." (9)

Die Enttäuschung, die Generalstaatsanwalt Dr. Bauer zum Ausdruck brachte, schmälert jedoch nicht den Wert des Auschwitz-Urteils und schon gar nicht die historisch-politische Bedeutung des Prozesses. Vor allem durch den Auschwitz-Prozess wurde – mehr noch als durch die Nürnberger Prozesse, den Ulmer Einsatzgruppen-Prozess (1958) sowie den Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961) – das Bild des Naziregimes ins allgemeine Bewusstsein gebracht. Auschwitz wurde zum Begriff für den SS-Staat, in Auschwitz kulminierte das totale Unrechtssystem in der Vernichtung der Juden Europas, der Sinti und Roma und anderer sogenannter „Untermenschen“. Was Auschwitz war, wie der Alltag für mindestens 1,2 bis 1,5 Millionen verfolgter und gequälter KZ-Häftlinge ausgesehen hat, welche Methoden, Strafen, Zwänge, Demütigungen, Bösartigkeiten die SS und ihre Helfer benützten, auf welch bestialische und schließlich geradezu industrielle Weise die Vernichtung vor sich ging, wurde im Prozess von 211 Auschwitz-Überlebenden bezeugt.

Der Auschwitz-Prozess hat der deutschen Bevölkerung und der ganzen Welt den Ablauf des geplanten Völkermords an den Juden Europas in allen schrecklichen Details vor Augen geführt – niemand kann dies mehr leugnen, nicht einmal die Angeklagten haben Zweifel daran geäußert.

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Internationale Reaktionen: Schweden, Belgien, Dänemark

   
Stockholmer Zeitung und
Brüsseler Zeitung
20. August 1965
  Kopenhagener B.T.
20. August 1965
  Kopenhagener Abendblatt
20. August 1965


Vielstimmiges Echo auf den Auschwitz-Prozess

Ein besonderes Kapitel stellt das Echo des Prozesses dar. Die deutsche und internationale Presse berichtete so ausführlich wie nie zuvor über einen NS-Prozess und stellte dabei das Verhalten der Täter in den Mittelpunkt; in der Paulskirche wurde zugleich, auf Veranlassung Dr. Bauers, eine Ausstellung über das Konzentrationslager Auschwitz gezeigt; zahlreiche Schulklassen besuchten Prozess und Ausstellung.

Der Schriftsteller Peter Weiss, Autor des Oratoriums
„Die Ermittlung"
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Fritz Bauer wollte noch mehr. Als juristischer Berater des Suhrkamp-Verlags hatte er die Entstehung von Peter Weiss’ Bühnenstück Die Ermittlung frühzeitig wahrgenommen, ohne sich davon beirren zu lassen, dass bereits vor der Uraufführung öffentlich – so zuerst von Joachim Kaiser in der Süddeutschen Zeitung am 4./5. September 1965 – Zweifel erhoben wurden, ob Auschwitz überhaupt auf dem Theater darstellbar sei. Im Oktober 1965 wurde das Stück an fünfzehn Bühnen in West- und Ostdeutschland sowie in London uraufgeführt. (10) Zahlreiche andere Theater spielten Die Ermittlung nach – bis heute.

Peter Weiss „Oratorium“ wurde als eine „einschneidende Zäsur“ in der Geschichte der Nachkriegsliteratur bezeichnet; mehrere Monate wurde Auschwitz zu einem gesamtgesellschaftlich diskutierten Thema. (11) Allein im Jahr 1965 erschienen circa 1.200 bis 1.500 Beiträge in Zeitungen der Bundesrepublik und der DDR. (12) In der DDR warnte der Schriftsteller Stephan Hermlin entgegen der gängigen Linie der SED davor, Die Ermittlung als ein Stück zur Diskreditierung des westdeutschen Staates zu instrumentalisieren: "Weil das Stück sich immer wieder an das Herz jedes einzelnen Deutschen richtet, weil Auschwitz eine gesamtdeutsche Angelegenheit im äußersten Sinne ist". (13)

Das war gewiss auch Fritz Bauers Auffassung. Im Anschluss an die berühmte Inszenierung von Peter Palitzsch im Württembergischen Staatstheater in Stuttgart nahm er an einer Podiumsdiskussion teil und äußerte sich höchst erfreut über die dringend notwendige Öffentlichkeit "in Sachen Auschwitz": "Wir Juristen in Frankfurt haben erschreckt gerufen (...) nach dem Dichter, der das ausspricht, was der Prozeß auszusprechen nicht im Stande ist." (14) Peter Weiss habe eine konzentrierte und wertvolle Wiedergabe des Prozesses gegeben, doch der Auschwitz-Prozess sei weniger als Auschwitz; die Juristen hätten Auschwitz juristisch verfremdet. Und daher wandte er ein, "daß es in der Ermittlung nicht gelungen ist, das Herz des Problems zu erfassen". Dieser Einwand enthielt deutliche Kritik am herrschenden Strafrecht ("Der Auschwitz-Richter züchtigt, der Auschwitz-Dichter sollte erziehen", sagte Bauer), sowie an dem Zwang der Richter, nur Taten, doch leider nicht ihre Ursachen zu sehen.

Bauer meinte, ein Drama über Auschwitz sollte über die Erkenntnis handeln, dass es eine Pflicht des Menschen gibt, Nein zu sagen, wenn Böses geschieht. Er rief nach dem menschlichen Engagement, um "Auschwitz jetzt und in Zukunft zu verhüten." (15)

Mit der gleichen Zielrichtung wandte sich der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bereits ein halbes Jahr nach Prozesseröffnung an die Öffentlichkeit. In der Wochenzeitung DIE ZEIT erschien am 22. Mai 1964 sein Aufruf "In einer deutschen Angelegenheit" an seine schreibenden und dichtenden Kollegen: "Ich bitte also dringend, mich nicht mißzuverstehen: Ich denke nicht daran, die deutschen Schriftsteller zum Besuch des Frankfurter (Auschwitz-)Prozesses zu ermahnen." Freilich, neugierig, "sehr neugierig", wäre er schon, fügte der Literaturkritiker hinzu, was Hans Erich Nossack oder Wolfgang Koeppen oder Gerd Gaiser oder Uwe Johnson dazu sagen würde. "Jedenfalls ist, was da in Frankfurt abgehandelt wird, unser aller Sache." Und deshalb empfehle er der Aufmerksamkeit aller Leser, wahrzunehmen, was Horst Krüger unter dem Titel Im Labyrinth der Schuld in der Zeitschrift Der Monat (Mai-Heft 1964) geschrieben habe. (16)

Und was hatte Horst Krüger geschrieben? "Es ist eine letzte Chance.(…). Es ist eine unwiederholbare Möglichkeit, der Vergangenheit in Fleisch und Blut, der Geschichte in ihren Akteuren zu begegnen, die Täter und ihre Opfer nicht als Standbilder des Schreckens oder des Leidens zu sehen, sondern als Menschen wie du und ich. Ich will dieses Drama der Zeitgenossen sehen, bevor es in den Abgrund versinkt." (17) Beklommen fährt Krüger zum Auschwitz-Prozeß, "weil ich das alles einmal sehen will", schreibt er: "Ich meine, sehen entzaubert doch jeden Spuk." "Es ist nicht Auschwitz, vor dem ich Angst habe. Es ist die Justiz. Immer empfinde ich etwas Beklemmung vor deutschen Staatsanwälten, Richtern und Polizisten." (18) Aber in Frankfurt gab es ja "diesen mutigen und beredten Mann, den Generalstaatsanwalt Bauer, einen Glücksfall in unserer Justiz, ein Wunder in unserem Beamtenstaat…" (19)

Zehn Jahre später, 1976, eröffnete Horst Krüger im Nachwort seiner Autobiographie, (die erstmals 1966 unter dem Titel Das zerbrochene Haus. Eine Jugend in Deutschland erschienen ist), daß er damals aus "einer langen, zum Schluß nur noch bedrückenden Zeit des Schweigen" nach Frankfurt gekommen war, wo ihm Fritz Bauer zum Freund wurde und ihn dazu brachte, den Auschwitz-Prozess zu besuchen. Vier Wochen saß Krüger als stummer Zeuge im Gerichtssaal und allmählich "schob sich langsam der eigene Erinnerungsstoff hoch. (…) Es ging also, rückblickend, um einen Selbstprüfungsprozess, auch gegen mich." (20) Die Tortur des Erlebens empfindet er quälend. Ob Bewusstmachen, Aussprechen wirklich Erlösung ist, fragte Krüger sich selbstkritisch in Anbetracht des wiederauflebenden Leids der Zeugen, die im Auschwitz-Prozess vernommen werden.

Fritz Bauer hielt diese Selbstprüfung für unumgänglich notwendig. Während des Auschwitz-Prozesses schrieb er in einem Vortrag über "Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns": "'Bewältigung unserer Vergangenheit' heißt Gerichtstag halten über uns selbst, Gerichtstag über die gefährlichen Faktoren in unserer Geschichte, nicht zuletzt alles, was hier inhuman war, woraus sich zugleich ein Bekenntnis zu wahrhaft menschlichen Werten in Vergangenheit und Gegenwart ergibt." (21)

Hannah Arendt (1906-1975) besuchte den Auschwitz-Prozess, danach schreibe sie ihre letzte Arbeit über den Nationalsozialismus. Günter Gaus interviewte Arendt 1964 und befragte sie unter anderem zu den NS-Prozessen
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Doch währenddessen schwiegen die Angeklagten vor dem Frankfurter Schwurgericht beharrlich, sie erinnerten sich an nichts, hatten nichts zu bedauern und also tat ihnen auch nichts leid. "Wo keine Verantwortung, da ist auch keine Schuld", mit diesem Hinweis auf seine Pflicht- und Schuldigkeiten hatte vier Jahre zuvor bereits der von Bauer ausfindig gemachte Adolf Eichmann versucht, sich vor Gericht freizusprechen. (22) Dass die Kehrseite seines dienstbeflissenen Gehorsams sein ungeheurer, von völkischen Vernichtungszielen bestimmte Ehrgeiz war, mit dem er seine Aufgabe, die Juden nach Auschwitz zu deportieren, erfüllt hatte, kam ihm nicht in den Sinn. Eichmann konnte einfach nicht denken, schrieb Hannah Arndt in ihrem Prozessbericht Eichmann in Jerusalem. (23) Einer beiläufigen Anmerkung in einem Presseartikel ist zu entnehmen, dass sie den Frankfurter Prozess besucht hat. Danach entstand der Text "Der Auschwitz-Prozeß", die letzte Arbeit Arendts über den Nationalsozialismus (1966 in New York als Vorwort zur amerikanischen Ausgabe von Bernd Naumanns Bericht über die Strafsache gegen Mulka und andere erschienen). (24)

Ohne über die Verhältnisse der Adenauer-Ära zu sprechen – und es wäre ziemlich unfair dies nicht zu tun, stellte Arendt fest –, ließe sich der Mehrheit des deutschen Volkes "mangelnde Begeisterung für Gerichtsverfahren gegen Naziverbrecher" nicht vorwerfen. Doch es sei ein offenes Geheimnis, daß die deutschen Verwaltungsbehörden auf allen Ebenen mit Nazis durchsetzt seien. (25) Diese Tatsache erkläre, "warum es eine 'Mauer des Schweigens' gab, warum die Angeklagten (in Frankfurt wie in anderen NS-Prozessen - Anm. d. Red.) hartnäckig, wenn auch nicht in sich stimmig logen."

"Der entscheidende Punkt ist der", schrieb Arendt, "daß die Angeklagten […] eine bemerkenswerte Tendenz zur Anpassung an ihre jeweilige Umgebung an den Tag legten, d. h. die Eigenschaft, sich sozusagen im Nu 'gleichzuschalten'." (26) Im Verhalten der Angeklagten vor dem Frankfurter Schwurgericht spiegelte sich die öffentliche Meinung außerhalb des Gerichtssaals. Stellvertretend hierfür zitierte Arendt den brutalen Block- und Rapportführer im Stammlager Auschwitz, Oswald Kaduk, der vor Gericht gesagt hatte: "Die meisten gehen noch frei herum, wie der Globke. Das tut einem weh." (27) Fritz Bauer fasste Arendts Beobachtung in die Worte: "Die Angeklagten haben in den Spiegel des deutschen Volkes geschaut und gelernt, daß 'man' nichts wußte, daß niemand etwas ahnte". (28)

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Dokumentation des Auschwitz-Prozesses

Die Geschichte des Auschwitz-Prozesses ist gut dokumentiert. Zunächst erschienen bereits 1965 die gesammelten Berichte des Gerichtsreporters Bernd Naumann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einem Taschenbuch: Auschwitz. Bericht über die Strafsache gegen Mulka u. a. vor dem Schwurgericht Frankfurt; sodann die zweibändige Dokumentation Der Auschwitz-Prozeß von Hermann Langbein, der damals Generalsekretär des Internationalen Auschwitz-Komitees war und auch als Zeuge vor Gericht aussagte (sein Buch erschien bereits 1965 im Europa-Verlag Wien / Lizenzausgabe bei der Europäischen Verlagsanstalt in Frankfurt/M.).

Katalog der ersten Ausstellung über den Auschwitz-Prozess, 2004

Die im Prozess vorgetragenen historischen Sachverständigengutachten wurden unter dem Titel Anatomie des SS-Staates in zwei Bänden bei dtv publiziert und sind nach wie vor Standardwerke der Zeitgeschichte. Eine Zusammenfassung verfassten Gerhard Werle und Thomas Wandres unter dem Titel Auschwitz vor Gericht – Völkermord und bundesdeutsche Strafjustiz (erschienen 1995 im C.H.Beck Verlag, München) - kritisch gegenüber Fritz Bauer.

Eine knappe und packende Wiedergabe des Prozessgeschehens stellen die Monatsberichte in der jüdischen Zeitung Die Gemeinde (Wien) dar, die gesammelt vorliegen und 2015 herausgegeben wurden: Conrad Taler, Asche auf vereisten Wegen. Köln 2015 (PapyRossa Verlag). Der Titel ist ein Zitat des Zeugen Yehuda Bacon, der als Kind Auschwitz überlebte.

Ein Quellenzeugnis ohnegleichen ist lange Jahre unbeachtet geblieben: die Tonband-Aufzeichnung der Hauptverhandlung des Auschwitz-Prozesses. Der rund 430stündige Mitschnitt wurde zur Stützung des Gedächtnisses des Gerichts aufgenommen, vom 30. April 1964 an, als das Gericht bereits im Bürgerhaus Gallus tagte. Nach dem Ende des Prozesses sollte dieses Hilfsmittel eigentlich gelöscht werden, es blieb jedoch erhalten und wurde vom Hessischen Hauptstaatsarchiv, wo mittlerweile auch die Akten des Prozesses archiviert sind, dem Fritz Bauer Institut zur Transkription zur Verfügung gestellt. Das Deutsche Rundfunkarchiv sicherte das Material auf digitalen Tonträgern, und am Fritz Bauer Institut wurde die Quelle in einem Forschungsprojekt erschlossen. 

Die erste umfassende Ausstellung über den Auschwitz-Prozess ist, begleitet von einführenden Texten, ebenfalls komplett dokumentiert worden im Katalog des Snoeck-Verlags, herausgegeben von Irmtrud Wojak, 4 Ks 2/63. Auschwitz-Prozess. Frankfurt am Main. Köln/ Gent 2004. Das Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main hat die Ausstellung allerdings leider - wie es hieß mangels Lagerkapazität - "entsorgt".

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Anmerkungen und Literatur

(1) Wenn ich anders angegeben, sind alle hier angeführten Informationen und Zitate nachzulesen in: Irmtrud Wojak, Fritz Bauer (1903-1968). Eine Biographie. München: BUXUS EDITION 2016 (Original 2009), vor allem S. 298ff. sowie in Irmtrud Wojak (Hrsg.), Auschwitz-Prozess. 4 Ks 2/63. Frankfurt am Main. Köln, Gent: Snoeck, 2004.
(2) Martin Broszat (Hrsg.), Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß. München: dtv, 1998.
(3) So Robert Kempner in seiner Trauerrede, in: Hessischer Minister der Justiz (Hrsg.), Fritz Bauer. In Memoriam. Wiesbaden 1969, S. 23-26, hier S. 25.
(4) HEUTE ABEND KELLERCLUB. TV-Dokumentation 1964 / BRD / Redaktion: Dietrich Wagner / Hessischer Rundfunk. Frankfurt am Main.
(5) Die Gutachten sind teilweise publiziert worden und außerdem dokumentiert auf der DVD-Rom: Der Auschwitz-Prozess. Tonbandmitschnitte, Protokolle, Dokumente. Hrsg. vom Fritz Bauer Institut und dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Berlin: Zeno.org: 2007.
(6) Sybille Steinbacher, "'Protokoll vor der Schwarzen Wand'. Die Ortsbesichtigung des Frankfurter Schwurgerichts in Auschwitz", in: "Gerichtstag halten über uns selbst…" Geschichte und Wirkung des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses. Hrsg. von Irmtrud Wojak. Frankfurt am Main, New York: Campus, 2001 S. 61-89, hier S. 81.
(7) Nachhörbar auf der DVD-Rom: Der Auschwitz-Prozess. Tonbandmitschnitte, Protokolle, Dokumente. Hrsg. vom Fritz Bauer Institut und dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Berlin: Zeno.org: 2007.
(8) Vgl. die Urteils-Kritik von Fritz Bauer, "Im Namen des Volkes. Die strafrechtliche Bewältigung der Vergangenheit", in: Ders., Die Humanität der Rechtsordnung. Ausgewählte Schriften. Hrsg. v. Joachim Perels und Irmtrud Wojak. Frankfurt am Main, New York: Campus, 1998, S. 77-90.
(9) HEUTE ABEND KELLERCLUB. TV-Dokumentation 1964 / BRD / Redaktion: Dietrich Wagner / Hessischer Rundfunk. Frankfurt am Main. 
(10) Vgl. Christoph Weiß, "... eine gesamtdeutsche Angelegenheit im äußersten Sinne ..." Zur Diskussion um Peter Weiss’ Ermittlung im Jahre 1965, in: Stephan Braese u. a. (Hrsg.), Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust. Frankfurt/M., New York: Campus, 1998, S. 53-70, hier S. 58.
(11) Zitat Jochen Vogt nach Weiß, "... eine gesamtdeutsche Angelegenheit im äußersten Sinne ..." (wie Anm. 10), S. 69. Vgl. Jochen Vogt, Peter Weiss. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1987, S. 98.
(12) Ebd. S. 59.
(13) Ebd. S. 63 f.
(14) "Auschwitz auf dem Theater? Ein Podiumsgespräch im Württembergischen Staatstheater Stuttgart am 24. Oktober 1965 aus Anlaß der Erstaufführung der ‚Ermittlung’", in: Braese u. a. (Hrsg.), Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust (wie Anm. 9), S. 71-97, hier S. 75.
(15) Ebd. S. 75 f.
(16) Vgl. Marcel Reich-Ranicki, "In einer deutschen Angelegenheit", in: Ders., Wer schreibt, provoziert – Kommentare und Pamphlete. Frankfurt am Main 1993, S. 109-112. Dazu Stephan Braese, "In einer deutschen Angelegenheit" – Der Frankfurter Auschwitz-Prozeß in der westdeutschen Nachkriegsliteratur, in: "Gerichtstag halten über uns selbst…" Geschichte und Wirkung des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses. Hrsg. von Irmtrud Wojak. Frankfurt am Main, New York: Campus, 2001 S. 217-244.
(17) Horst Krüger, »Im Labyrinth der Schuld. Ein Tag im Frankfurter Auschwitz-Prozeß«, in: Der Monat, 16. Jg. (1964) H. 188, S. 19-29, hier S. 20.
(18) Ebd.
(19) Ebd. S. 26.
(20) Horst Krüger, Das Zerbrochene Haus. Eine Jugend in Deutschland. 6. Aufl., München: dtv, 1999, S. 182.
(21) Fritz Bauer, Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns. Frankfurt am Main 1965, S. 66 f. Das rheinland-pfälzische Kultusministerium lehnte damals den Vorschlag des Landesjugendrings ab, Fritz Bauers Vortrag als Broschüre in höheren Schulen als Unterrichtsmaterial zur Verfügung zu stellen. Als es daraufhin zu einer Großen Anfrage der SPD kam, warf ihm die FDP in der Landtagsdebatte ein mangelndes Verhältnis zur Geschichte vor, ein CDU-Abgeordneter erklärte, das "Dritte Reich" sei "wie ein dunkler Schatten auf Deutschland gefallen". Vgl. Staff, "Fritz Bauer (1903-1968). 'Im Kampf um des Menschen Rechte'", in: Kritische Justiz (Hrsg.), Streitbare Juristen. Eine andere Tradition. Baden-Baden: Nomos, 1988, S. 440-450, S. 442.
(22) Adolf Eichmann, "Götzen". Aufzeichnungen im Gefängnis in Israel, datiert 6.9.1961 (Abschrift), S. 477. Dazu Irmtrud Wojak, Eichmann Memoiren. Ein kritischer Essay. Frankfurt am Main, New York: Campus, 2001 (Neuauflage, Berlin: Gemini, 2014).
(23) Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München: Piper, 1964, S. 70.
(24) Vgl. Hannah Arendt, "Der Auschwitz-Prozeß", in: Dies., Nach Auschwitz. Essays & Kommentare I. Hrsg. von Elke Geisel und Klaus Bittermann. 1. Aufl., Berlin: Wagenbach, 1989, S. 99-136.
(25) Ebd. S. 111.
(26) Ebd. S. 108.
(27) Ebd. S. 113.
(28) Fritz Bauer, "Antinazistische Prozesse und politisches Bewußtsein", in: Hermann Huss, Andreas Schröder (Hrsg.), Antisemitismus. Zur Pathologie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, 1965, S. 168-193, hier S. 171.

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Hannah Arendt, "Der Auschwitz-Prozeß", in: Dies., Nach Auschwitz. Essays & Kommentare I. Hrsg. von Elke Geisel und Klaus Bittermann. 1. Aufl., Berlin: Wagenbach, 1989, S. 99-136.

Der Auschwitz-Prozess. Tonbandmitschnitte, Protokolle, Dokumente. Hrsg. vom Fritz Bauer Institut und dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Berlin: Zeno.org: 2007.

Fritz Bauer, "Antinazistische Prozesse und politisches Bewußtsein", in: Hermann Huss, Andreas Schröder (Hrsg.), Antisemitismus. Zur Pathologie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, 1965, S. 168-193.

Fritz Bauer, Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns. Frankfurt am Main 1965.

Fritz Bauer, "Im Namen des Volkes. Die strafrechtliche Bewältigung der Vergangenheit", in: Ders., Die Humanität der Rechtsordnung. Ausgewählte Schriften. Hrsg. v. Joachim Perels und Irmtrud Wojak. Frankfurt am Main, New York: Campus, 1998, S. 77-90.

Stephan Braese, "In einer deutschen Angelegenheit" – Der Frankfurter Auschwitz-Prozeß in der westdeutschen Nachkriegsliteratur, in: "Gerichtstag halten über uns selbst…" Geschichte und Wirkung des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses. Hrsg. von Irmtrud Wojak. Frankfurt am Main, New York: Campus, 2001 S. 217-244.

Martin Broszat (Hrsg.), Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß. München: dtv, 1998.

Hessischer Minister der Justiz (Hrsg.), Fritz Bauer. In Memoriam. Wiesbaden 1969.

HEUTE ABEND KELLERCLUB. TV-Dokumentation 1964 / BRD / Redaktion: Dietrich Wagner / Hessischer Rundfunk. Frankfurt am Main.

Horst Krüger, Das Zerbrochene Haus. Eine Jugend in Deutschland. 6. Aufl., München: dtv, 1999.

Marcel Reich-Ranicki, "In einer deutschen Angelegenheit", in: Ders., Wer schreibt, provoziert – Kommentare und Pamphlete. Frankfurt am Main 1993, S. 109-112.

Sybille Steinbacher, "'Protokoll vor der Schwarzen Wand'. Die Ortsbesichtigung des Frankfurter Schwurgerichts in Auschwitz", in: "Gerichtstag halten über uns selbst…" Geschichte und Wirkung des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses. Hrsg. von Irmtrud Wojak. Frankfurt am Main, New York: Campus, 2001 S. 61-89.

Christoph Weiß, "... eine gesamtdeutsche Angelegenheit im äußersten Sinne ..." Zur Diskussion um Peter Weiss’ Ermittlung im Jahre 1965, in: Stephan Braese u. a. (Hrsg.), Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust. Frankfurt/M., New York: Campus: 1998, S. 53-70.

Irmtrud Wojak, Fritz Bauer (1903-1968). Eine Biographie. München: BUXUS EDITION 2016 (Original 2009).

Irmtrud Wojak (Hrsg.), Auschwitz-Prozess. 4 Ks 2/63. Frankfurt am Main. Köln, Gent: Snoeck, 2004.


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