KLEINE CHRONIK SEINES LEBENS UND NACHLEBENS


Kindheit und Jugendjahre

F. Bauers Großeltern in Tübingen
© Privatbesitz


Fritz Max Bauer wurde 1903 in Stuttgart geboren. Er stammte aus einer assimilierten Kaufmannsfamilie deutsch-jüdischer Herkunft, die ihre Wurzeln in Stuttgart und Tübingen hatte. Von ihm ist ein Brief an seine Mutter Ella Bauer geborene Hirsch überliefert, dass er sich des emanzipatori­schen Geistes im großelterlichen Haus in Tübingen, der Heimatstadt seiner Mutter, sehr bewusst war. Seine Familie in Stuttgart stand religiösen Traditionen und Bräuchen jedoch fern, Bauer selbst bezeichnete sich später als "glaubenslos".

In Stuttgart besuchte Bauer die Volksschule und das traditionsreiche Eberhard-Ludwigs-Gymnasium. Hier erlebte er als Kind und Jugendlicher erstmals Antisemitismus und Ausgrenzung, als seine Mitschüler ihn, den Klassenprimus, attackierten: „Du und Deine Eltern, ihr habt Jesus umgebracht.“ Als Kind wollte er Polizist werden, schließlich seien Polizisten dazu da zu helfen, wenn Unrecht geschehe. In Württembergs Hauptstadt erlebte er als Jugendlicher die deutsche Revolution von 1918/19, die in Wirklichkeit keine war, sondern in Stuttgart ebenso wie andernorts im Saale verlief.

 

Erster Weltkrieg

Familie L. Bauer in Stuttgart um 1910
© Privatbesitz

Von seiner Mutter Ella Bauer übernahm der Knabe, der auf der Suche nach Gott und Gerechtigkeit war, die in fast allen Religionen bekannte „Goldene Regel“, die sie ihm zur Antwort gab und die für ihn zum Maßstab mitmenschlichen Denkens und Handelns wurde: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu." Bereits als Schüler trat Fritz Bauer, der von der ausgebliebenen Revolution nach dem ersten Weltkrieg und dem pazifistischen Schrei des Kriegsteilnehmers und Schriftstellers Ernst Toller aufgerüttelt wurde, in Stuttgart in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ein.

Fritz Bauer studierte in Heidelberg, München und Tübingen. Karl Geiler in Heidelberg legte er eine Promotionsarbeit über Die rechtliche Struktur der Truste vor, die Geiler mit großem Lob schon bald nach dem Abschluss der Prüfungen veröffentlichte. Bauer stand eine glänzende Zukunft in der Wissenschaft bevor, doch schon früh entschied er sich, dass er in die Praxis und Politik gehen wollte. 

 

Weimarer Republik und Aufkommen des Nationalsozialismus

Fritz Bauer in den 1920er Jahren (re.)
© Privatbesitz

Das Aufkommen des Nationalsozialismus und den Terror, den die Nazis verbreiteten, erlebte Fritz Bauer als junger Student in München. Die Ermordung von Reichsaußenminister Walther Rathenau erschütterte ihn ebenso wie viele andere. Für Bauer waren die Mordtat und der Radauantisemitismus in München alarmierend, zusammen mit seinen Studienkollegen schrieb er damals einen Brief an Thomas Mann, in der Hoffnung, der Schriftsteller würde auf ihrer Seite stehen. Tatsächlich antwortete er ihnen und bald darauf ging Thomas Manns Rede an die Republik um die Welt.

Nach seiner Rückkehr nach Stuttgart – wo er jüngster Amtsrichter Deutschlands wurde –, stellte Bauer sich an die Seite des dortigen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher. Als Vorsitzender der Republikschutz­organi­sation „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ kämpfte er gegen die aufmarschierenden Nationalsozialisten und für den Erhalt der Republik. Zusammen mit anderen Sozialdemokraten und Kommunisten wurde er deswegen nach der so genannten Machter­greifung der Nazis im März 1933 sofort verhaftet und ins Konzentrationslager Heuberg gesperrt.

 

Exil in Dänemark und Schweden

Buchcover von 1944


Nach seiner Freilassung gelang Bauer die Flucht nach Dänemark, wo er sich in sozialde­mo­kratischen und sozialistischen Exilkreisen engagierte. Eine Tätigkeit, die er ab Ende 1943 im Exil in Schweden fortsetzte. Dort stand er mit Willy Brandt in Verbindung, setzte sich für die Einheit der Arbeiterbewegung ein und gründete mit ihm die Exilzeitschrift Sozialistische Tribüne. Bauer und Brandt blieben auch nach 1945 in Verbindung.

Vor wie nach 1945 brachte Fritz Bauer ohne Unterschied das Unrecht zur Sprache, das er wie andere Nazi-Verfolgte erlitten hatten, die zu "Feinden des deutschen Volkskörpers", zu "Artfremden" oder so genannten Gemeinschaftsfremden erklärt worden waren.

Für Dr. Fritz Bauer waren alle Menschen vor Recht und Gesetz gleich. Bereits vor Kriegsende setzte er sich gegen die Straflosigkeit der NS-Täter ein und plädierte für ein internationales Strafgericht. Sein 1945 erschienenes Buch Kriegsverbrecher vor Gericht, eine Lektion im geltenden Völkerrecht, erschien 1944/45 in Schweden, Dänemark und in der Schweiz - jedoch nie in Deutschland.

 

Rückkehr 1949

Fritz Bauer © Privatbesitz

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Frühjahr 1949 - Fritz Bauer wurde zunächst Landgerichtsdirektor, dann Generalstaatsanwalt in Braunschweig - setzte sich Bauer für die Entnazifizierung und den Aufbau einer neuen demokratischen Justiz- und Rechtsordnung ein, insbesondere für die Reform des Strafrechts.

Die Remigration war dem verfolgten Sozialdemokraten nicht leicht gefallen, schließlich gab es in der deutschen Justiz so gut wie niemanden, der sich nach der Niederwerfung der Nationalsozialisten darum bemühte, die früheren Kollegen zurückzurufen und jemanden wie Dr. Bauer offiziell am demokratischen Wiederaufbau und der Erneuerung des Justizwesens zu beteiligen.

Überlebende des Nazi-Regimes wie Dr. Bauer mussten vielmehr mit der Wucht des schlechten Gewissens der Deutschen rechnen, die jegliches Mitgefühl mit den Opfern und Überlebenden verdrängten und auf die Rückkehrer mit versteckter Abwehr oder auch offener Wut reagierten. Drohbriefe bis hin zu Morddrohungen, Hass oder Dienst­aufsichtbe­schwerden, um den engagierten Juristen kaltzustellen, begleiteten fortan Fritz Bauers Weg, während er den Kampf gegen die Straflosigkeit der NS-Täter und ihrer Kollaborateure aufnahm.

 

Rehabilitierung des Widerstandsrechts 1952

F. Bauer im Remer-Prozess 1952
© Rose-Marie Ausmeier

Bereits drei Jahre nach seiner Rückkehr, 1952, erwirkte Generalstaatsanwalt Dr. Bauer im Verfahren gegen Ernst Otto Remer vor dem Braunschweiger Landgericht die Rehabili­tierung der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, die als Hoch- und Landesver­räter verächtlich gemacht wurden. Er selbst übernahm das Plädoyer, dessen Kernsätze lauteten:

"Ich stelle deswegen den Satz auf: ein Unrechtsstaat wie das 'Dritte Reich' ist überhaupt nicht hochverratsfähig. Ein Unrechtsstaat, der täglich Zehntausende Morde begeht, berechtigt jedermann zur Notwehr gemäß § 53 StGB. Jedermann war berechtigt, den bedrohten Juden oder den bedrohtnen Intelligenzschichten des Auslandes Nothilfe zu gewähren. Insoweit sind alle Widerstandshandlungen durch den § 53 StGB gedeckt."

Wenig später, 1956, holte der hessische Ministerpräsident und in Personalunion Justizminister Georg August Zinn, ebenfalls ein Sozialdemokrat, Fritz Bauer in das Amt des Generalstaatsanwalts nach Frankfurt am Main.

 

"Mörder unter uns" - Die "Endlösung" soll vor Gericht

Titelseite eines Aufsatzes
© Privatbesitz

Fritz Bauer wollte Eichmann, Bormann und Mengele vor Gericht bringen, das Gesamtgeschehen der "Endlösung der Judenfrage", für das Auschwitz zum Symbol wurde. Gelungen ist ihm dies im Fall des Deportationsspezialisten und Antisemiten Adolf Eichmann. Im September 1957 löste er die Operation des israelischen Geheimdienstes Mossad zur Festnahme von Eichmann aus. Den entscheidenden Hinweis über dessen Aufenthaltsort hatte er von Lothar Hermann erhalten, einem deutschen Juden in Buenos Aires, der das Konzentrationslager Dachau überlebte und Kontakt mit Bauer aufnahm, als er sich sicher war, Eichmann in seinem Versteck erkannt zu haben.

Ein Auslieferungsantrag seitens der deutschen Behörden, davon war Fritz Bauer überzeugt, hätte Eichmann gewarnt. Durch seine Zusammenarbeit mit der Israelmission (später die Israelische Botschaft) brachte er den Mann vor Gericht, der die Deportation Hunderttausender Menschen in die nationalsozialistischen Vernichtungslager organisiert hatte und der seit den Nürnberger Prozessen als der Hauptverantwortliche für die Durchführung der "Endlösung" galt. Der Eichmann-Prozess wurde zum Wendepunkt in der Geschichte Israels, erstmals wurde die Stimme der Überlebenden gehört, ihr Leiden und Überleben des Nazi-Regimes wurden erstmals als Widerstand anerkannt. 


"Wer an dieser Mordmaschine hantierte" - Auschwitz vor Gericht

© picture alliance

Im Januar 1959 wurde Dr. Bauer von einem Journalisten der Frankfurter Rundschau, Thomas Gnielka, SS-Dokumente über Erschießungen in Auschwitz an die Hand gegeben, die er zum Anlass nahm, beim Bundesgerichtshof zu beantragen, dass die Zuständigkeit für den Verbrechenskomplex festgelegt werde. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt wurde im April 1959 mit den Ermittlungen der in Auschwitz begangenen Verbrechen beauftragt.

Der bis dahin größte Schwurgerichtsprozess in der deutschen Justizgeschichte begann im Dezember 1963 zunächst gegen 24 (zuletzt 20) Beschuldigte. 211 Auschwitz-Überlebende sagten aus. Sie ließen das unermessliche Leid wieder aufleben, während die Angeklagten beharrlich schwiegen und angeblich nichts wussten. Sie wollten immer nur auf Befehl gehandelt haben. Im Urteil stellten die Richter fest, dass sich die Angeklagten der Unrechtmäßigkeit ihrer Taten bewusst waren. Doch sie verurteilten nur sechs wegen Mordes oder gemeinschaftlichen Mordes, drei Angeklagte wurden freigesprochen, einer nach Jugendstrafrecht verurteilt, da er zur Tatzeit unter 21 Jahre alt war.

Zehn der Angeklagten wurden lediglich wegen Beihilfe zum Mord verurteilt - als Gehilfen. Fritz Bauer betrachtete das Urteil als "nachträgliche Wunschvorstellung" im Sinne der beliebten Annhame, es habe nur wenige Verantwortliche gegeben. Wie der Eichmann-Prozess war jedoch auch der Auschwitz-Prozess ein Wendepunkt. Erstmals sprachen die Überlebenden, zwei Jahre lang wurde Auschwitz zum Thema in der Presse, der Öffentlichkeit und in deutschen Klassenzimmern - zumindest in einigen wenigen. Ob der Prozess an der Einstellung der Bevölkerung zu den Verbrechen etwas änderte, ist fraglich, aber eines sicher: Niemand kann seither Auschwitz mehr leugnen. 

 

NS-Justiz und NS-Euthanasie vor Gericht

Rückseite d. Enzyklika "Pacem in Terris"
© Privatbesitz

Das Ende des Verfahrens gegen die Spitzen der deutschen Justiz - sämtliche Generalstaatsanwälte und Oberlandesgerichtspräsidenten - die im April 1941 vom geschäftsführenden Reichsjustizminister Schlegelberger zu einer Konferenz in Berlin geladen worden waren und in den Mord an Tausenden kranker und behinderter Menschen eingeweiht wurden, hingegen erlebte Dr. Bauer nicht mehr. Die Juristen waren aufgefordert worden, die reibungslose Durchführung der NS-"Euthanasie"-Aktion zu decken. Keiner von ihnen protestierte gegen das geplante offenkundige Verbrechen.

Im Jahr des Auschwitz-Urteils, 1965, eröffnete Generalstaatsanwalt Dr. Bauer eine Voruntersuchung gegen zwanzig dieser Juristen, die sich nach seiner Auffassung der Beihilfe zum Mord an 71.088 Menschen schuldig gemacht hatten. Das Verfahren schleppte sich hin und wurde nach dem plötzlichen Tod Fritz Bauers eingestellt. Der Jurist Dr. Helmut Kramer deckte Jahre später den peinlichen Vorgang auf und stieß dabei auf ähnlichen Widerstand, wie seinerzeit der Frankfurter Generalstaatsanwalt - doch auch Kramer ließ nicht locker und brachte die Geschehnisse ans Licht, die zu dem für die deutsche Justiz beschämenden Einstellungsbeschluss führten.

 

Tod in Frankfurt am Main 

Fritz Bauer © Friedrich Ebert Stiftung

Dr. Fritz Bauers Tod im Sommer 1968 kam für seine Freunde und Weggefährten überraschend. Doch gab es sie eigentlich, diese Weggefährten, Freunde, Mitkämpfer, die ihm im "Kampf um des Menschen Rechte" und die Ahndung der nazistischen Gewaltverbrechen wirklich zur Seite standen? In den Gutachten über Bauers Tod gibt es weder einen Beleg für Suizid noch für Fremdeinwirkung, beides ist nach neuesten Erkenntnissen jedoch durchaus möglich und schwerwiegende Versäumnisse sind zu verzeichnen. Die Todes­umstände sind bis heute ungeklärt, ein gerichtsmedizinisches Gutachten wurde nicht angeordnet und der Spekulation damit Tür und Tor geöffnet, was bis heute zu misslichen Fehldeutungen und zur Instrumentalisierung von Bauers Schicksal für filmische Verkaufszwecke führt.

Auf der offiziellen Trauerfeier in Frankfurt am Main brachte der frühere stellvertretende Chefankläger im Nürnberger Prozess, Rechtsanwalt Dr. Robert M. W. Kempner, seine Empörung und auch Selbstzweifel zornig zum Ausdruck: „Was haben wir  f ü r  ihn getan?“, fragte er und fuhr fort: „Wie haben wir ihn geschützt? (… )Wir hätten gewiss viel, viel mehr für ihn tun können und müssen und ich für meine Person bedaure es heute, daß man Leuten, die gemeinsam gegen ihn waren – und ich sage es ganz offen –, daß wir solchen gemeinsamen politischen Rufmördern leider nicht rechts und links in die Fresse geschlagen haben.“ Die Verfolgten und Überlebenden hatten mit Fritz Bauer einen ihrer wichtigsten Interessenvertreter in der Justiz und Öffentlichkeit verloren.

 

Nachleben

1998

Fritz Bauer, Die Humanität der Rechtsordnung. Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Joachim Perels und Irmtrud Wojak. Frankfurt am Main, New York: Campus-Verlag, 440 Seiten - VERGRIFFEN!

VERGRIFFEN

Nach Bauers Tod wurde es, bis zur Gründung des nach ihm benannten Instituts Mitte der 1990er Jahre, jahrzehntelang still um ihn. 1998 erschien der erste Sammelband, der wichtige Schriften des streitbaren Juristen vereinte, die nicht mehr leicht zugänglich sind; er ist bereits wieder vergriffen. Die Beiträge wurden nach Themen geordnet, mit denen Bauer sich auseinandersetzte: "Aufarbeitung der NS-Verbrechen", "Widerstandsrecht", "Reform des Strafrechts", "Gegen autoritäres Recht" und "Für eine humane Rechtsordnung". Seit dem Erscheinen dieses Buches ist kein Beitrag Bauers mehr nachgedruckt worden und auf eine Ausgabe der Gesammelten Schriften warten viele seit langem vergebens. Das Bauer Institut hat seit 1998 keine Schrift des Namensgebers mehr publiziert. 

Der 1998 erschienene Band wurde von dem Politikwissenschaftler Joachim Perels und der Historikerin Irmtrud Wojak eingeleitet, die "Motive im Denken und Handeln Fritz Bauers" aufzeigen. Deutlich wird, dass Bauers Engagement, das weit über das "normale" Maß hinausging, nicht allein der juristischen Ahndung der Nazi-Verbrechen galt. Leben und Werk des Generalstaatsanwalts wurden von der eigenen Verfolgung geprägt, deren Ursachen der Jurist zum Thema machte und im Gehorsam und der Obrigkeitsgläubigkeit der jungen Bundesrepublik tief verwurzelt fand. Bauer war ein Verfechter des Widerstandsrechts, der Liberalisierung des Strafrechts und der Resozialisierung von Straftätern.

2001 und 2013

Eichmann Memoiren. Ein kritischer Essay von Irmtrud Wojak. Frankfurt am Main, New York: Campus-Verlag; Fischer-Verlag, Taschenbuchausgabe; Berlin: Gemini, 279 Seiten.

Neuauflage, Berlin: Gemini 2013

Erstmals deckt der Band die Hintergründe der Festnahme Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst auf und die entscheidende Rolle, die Dr. Fritz Bauer dabei spielte. Während eines Forschungsaufenthalts in Jerusalem auf den Spuren Bauers liest Irmtrud Wojak 1999 die von Eichmann im Gefängnis verfassten Aufzeichnungen, insgesamt 1.200 Seiten, die bis heute als Eichmanns Memoiren bezeichnet werden. Ein Jahr später erhält sie Zugang zu erstmals für die wissenschaftliche Forschung freigegebenen Tonbändern mit einem Interview, das Eichmann in seinem argentinischen Exil dem holländischen SS-Offizier Willem Sassen gab. Anhand der darin enthaltenen Aussagen und der Aufzeichnungen Eichmanns gelingt ihr eine Neuinterpretation der antisemitischen und nationalistischen Motive Eichmanns und seiner Rolle im nationalsozialistischen Terrorsystem.

Indem sie den Stationen in Eichmanns NS-Karriere folgt, vollzieht die Historikerin auch den diffusen und widersprüchlichen Weg zur systematischen Vernichtung der Juden Europas nach. Sie zeigt die mit Servilität und vorauseilendem Gehorsam verbundene, subalterne Mentalität der NS-Täter, deren bedingungslosen Judenhass und ihre nachträgliche Rechtfertigung, sie seien nur "kleine Rädchen" im Getriebe gewesen, die lediglich auf Befehl und in Erfüllung ihrer "Pflicht" gehandelt hätten - all das, wogegen Fritz Bauer kämpfte.


2013

Irmtrud Wojak (Hrsg.), „Gerichtstag halten über uns selbst...“ Geschichte und Wirkung des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses, 356 Seiten.

Buchcover "Gerichtstag halten..."

Gerichtstag halten über uns selbst - das war das Anliegen des Generalstaatsanwalts Dr. Fritz Bauer, als er dem "großen Auschwitz-Prozess" Anfang der 1960er Jahre nach Frankfurt am main holte. Der von der Historikerin Irmtrud Wojak herausgegebene Band rekonstruiert mit internationalen Beiträgen das prozessrelevante Geschehen in Auschwitz und stellt Protagonisten des Verfahrens vor. In vergleichender Perspektive, insbesondere mit dem Eichmann-Prozess in Israel, werden die politischen, juristischen und kulturellen Auswirkungen auf die deutsche Nachkriegsgesellschaft untersucht.

In einem einführenden Beitrag beleuchtet Irmtrud Wojak die viel zitierte Redewendung, der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess habe "Die Mauer des Schweigens durchbrochen" (S. 21-42) und danach sei alles anders gewesen. Sie betont, das zentrale Problem der Verantwortung des Einzelnen, seine Pflicht zum Widerstand gegenüber schrankenloser staatlicher Macht, sei in der Urteilsbegründung auf der Basis der ständigen Rechtsprechung des BGH nur unzureichend wahrgenommen worden.

2004

Auschwitz-Prozeß . 4 Ks 2/63 . Frankfurt am Main. Ausstellungskatalog hrsg. von Irmtrud Wojak. Köln, Gent: Snoeck-Verlag, 2004, 871 Seiten - VERGRIFFEN!

VERGRIFFEN

Der Katalog zur ersten großen Ausstellung über den Auschwitz-Prozess (1963-1965), in der sowohl der wirkungsgeschichtliche Hintergrund des Verfahrens, seine historische Einordnung und sein Echo, als auch juristische, politische und kulturelle Folgen dargestellt werden. Die Ausstellung und der Katalog behandeln alle Kapitel des Holocaust, angefangen von einer Chronik der "Endlösung" über eine historische Einordnung der Prozesse von Nürnberg, Warschau (gegen den Auschwitz-Kommandanten Höß) und Jerusalem (gegen den Organisator der Deportationen Eichmann), bis hin zur Frage der Täter- und Gehilfenschaft und der Rekonstruktion des Auschwitz-Prozesses am Beispiel von sechs Angeklagten. Dabei rückt die Kuratorin Irmtrud Wojak, nach jahrelanger Transkription des Tonbandmitschnitts durch ein Team am Bauer-Institut in Frankfurt Main, dieses Zeugnis der Überlebenden erstmals in den Mittelpunkt einer Ausstellung.

Der Vorstellung Hannah Arendts, den Holocaust nicht nur wissenschaftlich, sondern künstlerisch zu fassen, um so "das Nacherzählen in Gang (...) zu bringen", folgen zudem die Interventionen einer Reihe eigens zu der Ausstellung eingeladener Künstlerinnen und Künstler, ausgewählt vom künstlerischen Kurator der Ausstellung Erno Vroonen: Tamy Ben-Tor, Tania Gruguera, Loris Cecchini, Els Diätkost, Claus Föttinger, Robert Kuśmirowski, Hermann Maier Neustadt, Bojan Šarčevič, Wilhelm Sasnal, Silvia Schreiber, Joachim Steinfeld und Gitte Villesen. Der Katalog ist vergriffen, die Ausstellung wurde vom Frankfurter Bauer-Institut aus "Platzmangel" entsorgt.

2009

Irmtrud Wojak, Fritz Bauer (1903-1968). Eine Biographie. München: C.H. Beck (Paperback-Ausgabe 2011), 638 Seiten - VERGRIFFEN!

VERGRIFFEN

Die erste, längst fällige, biographische Würdigung Fritz Bauers liegt mit diesem Buch vor, ist jedoch bereits 2015 komplett vergriffen. Die bereits vereinbarte Neuauflage sagt der Münchner Verlag 2015 ab, da die Autorin ihm, wie der Lektor rund heraus schreibt, "zu schwierig" sei. Dieses Gefühl teilt er mit den Stadt- und Landesoberen in München, die der Historikerin 2011 den Stuhl vor die Türe des „NS-Dokumentationszentrums“ setzten, nachdem sie ihr Ausstellung- und Bildungskonzept eingereicht hatte. Die Presse lobte das Buch überschwänglich, ist ist 2016 in einer Neuauflage der BUXUS EDITION erschienen.

„Und, um es gleich zu sagen, die Autorin ist mit diesem Buch von mehr als 600 Seiten ihrem ‚Helden‘ in vorzüglicher und umfassender Weise gerecht geworden.“ Fritz Endemann, Betrifft JUSTIZ, Nr. 104, Dezember 2010, S. 413-415.

„Jetzt ist in einer exzellenten Biographie nachzulesen, welchen Beitrag Bauer zur Ehrenrettung der wenig ruhmreichen deutschen Justiz geleistet hat. Als Autorin zeichnet eine ausgewiesene Expertin: Irmtrud Wojak, 45. Die Historikerin, die sich durch ihre fundierte Forschung über die NS-Zeit einen Namen gemacht hat, wurde jüngst zur Gründungsdirektorin des NS-Dokumentationszentrums in München berufen.“ Rolf Lamprecht, Süddeutsche Zeitung, 23. Februar 2009

„Die hervorragende Biografie erinnert an einen deutschen Humanisten, für den Recht und Ethik stets zusammengehörten. Ein ‚Partisanenjurist im Lande der Mitläufer‘, der sich als längst Erwachsener kindliche Empfindsamkeit gerettet hatte.“ ck, BUCH DER WOCHE, Sonntags-Zeitung, 6. Dezember 2009.

2010

FRITZ BAUER - TOD AUF RATEN . DEATH BY INSTALMENTS

Ein Film von Ilona Ziok, Produktion CV-Films Berlin

Plakat zum Film 2010
© CV Films, Berlin

Das erste eindrucksvolle filmische Porträt des Juristen und Sozialdemokraten. Die Regisseurin Ilona Ziok hat aus Aussagen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen Fritz Bauers, von Freunden, Verwandten, Mitstreitern und Gegnern, aus Archivmaterial sowie ausgesuchten Werken klassischer und zeitgenössischer Komponisten ein spannendes filmisches Mosaik gestaltet, den preisgekrönten Film FRITZ BAUER - TOD AUF RATEN (97 Minuten, Format 16:9, sw/f, Audio Stereo).

Der Film erhielt das Prädikat "besonders wertvoll", das höchste Prädikat der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW). In der Begründung heißt es unter anderem:

„Die Filmemacherin Ilona Ziok porträtiert diesen mutigen, hochintellektuellen Menschen, lässt Zeitzeugen und Wegbegleiter zu Wort kommen und würdigt nicht nur Bauers Arbeit und unerschütterlichen Glauben an die Menschlichkeit, sondern hält vor Augen, wie wichtig es ist, die Gräueltaten der NS-Zeit niemals zu vergessen. In einem Fernsehinterview aus dem Jahr 1964 spricht Bauer die junge Generation von jeglicher Schuld frei, legt ihr aber die Verantwortung des Erkennens und Erinnerns auf. Ein unermesslich wichtiges Zeit-Dokument, das ganz neue Aspekte und Zusammenhänge zu diesem Kapitel deutscher Geschichte freilegt.“ (Wiesbaden, den 28. Februar 2011)

2013


2013
BUXUS STIFTUNG

"Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegegenwart und kann wieder Zukunft werden."
Fritz Bauer

Dieser Satz Fritz Bauers steht für die Projekte der gemeinnützigen BUXUS STIFTUNG GmbH über den bedeutenden Juristen. Im Oktober 2013 wurde die BUXUS STIFTUNG in Erinnerung an Dr. Fritz Bauer gegründet, damit die Stimmen des Widerstands und der Überlebenden lebendig bleiben. Die BUXUS STIFTUNG gGmbH setzt sich zum Ziel, in Fritz Bauers an den Menschenrechten orientiertem Sinne tätig zu sein, in Forschung, Bildung und Öffentlichkeitsarbeit. Sie setzt sich dafür ein, dass Dr. Bauers Gesammelte Schriften veröffentlicht werden, hat ein FRITZ M. BAUER ARCHIV  ins Leben gerufen, eine Webseite mit einem aktuellen Blog über Leben und Werk des Juristen, publiziert pädagogische Materialien und sie gründet ein FRITZ M. BAUER KOLLEG, die Veranstaltungen, Workshops und Vorträge initiiert und durchführt, die das Lebenswerk des Namensgebers aktualisieren.

Wer mehr über die Zwecke und Aufgaben der gemeinnützigen BUXUS STIFTUNG GmbH erfahren will, kann darüber in der 2015 erschienenen Informations-Broschüre nachlesen, sich an diese Adresse wenden und Kontakt aufnehmen: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder die Webseite besuchen: www.buxus-stiftung.de

 

2016

Neuauflage - Irmtrud Wojak, Fritz Bauer (1903-1968). Eine Biographie. München: BUXUS EDITION, 638 Seiten.

Neuauflage 2016

Mitte Februar 2016 erscheint eine Neuauflage der Biographie des bedeutenden Juristen in der von der gemeinnützigen BUXUS STIFTUNG GmbH herausgegebenen BUXUS EDITION, mit einer Einführung der Autorin zur Neuauflage. Sie schreibt dazu: "Die Neuauflage der Biographie Bauers ermöglicht es mir, zwei Korrekturen im Buch vorzunehmen. Die eine ist, dass Fritz Bauer nach seiner Haft im Konzentrationslager Heuberg im Jahr 1933 nicht in das als Festungswerk auf dem Oberen Kuhberg, sondern in das Garnisonsarresthaus in Ulm abgeschoben wurde, aus dem er dann glücklicherweise schon bald freikam. Die andere erfüllt ein Anliegen von Dr. Ernst Friedrich Jung, der korrigiert wissen wollte, dass Generalstaatsanwalt Dr. Bauer eine Anschuldigungsschrift und keine Anklage gegen seinen Vater und weitere Juristen einreichte, die 1941 an der Konferenz in Berlin teilnahmen, auf der die Maßnahmen der NS-„Euthanasie“ vom amtierenden Justizminister verkündet und von den Anwesenden ohne Widerspruch hingenommen wurden. Ansonsten habe ich im Text und den Anmerkungen noch einige wenige Schreibfehler und kleinere Ergänzungen und Kürzungen vorgenommen, jedoch nichts weiter verändert."

Bestelladresse: BUXUS EDITION, c/o BUXUS STIFTUNG gGmbH, Murnauer Straße 2, 82438 Eschenlohe: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Ebenso geht es über den Buchhandel, der das Buch mit dem üblichen Rabatt bei der BUXUS EDITION bestellen kann: ISBN 9 783981 761405


FRITZ M. BAUER ARCHIV

Intro der Webseite

Die gemeinnützige BUXUS STIFTUNG GmbH stellt kurz nach Erscheinen der Neuauflage der Fritz Bauer Biographie im März 2016 eine Fritz-Bauer-Website online. Sie realisiert damit ihr erstes und vordringliches Anliegen, der Stimme Fritz Bauers, seinem Leben und Werk, einen eigenen Platz in der öffentlichen Diskussion zu schaffen. 

Ein "Fritz Bauer Blog" auf der Seite sowie Artikel über Bauers Biographie und sein juristisches Lebenswerk werden in den nächsten Jahren weiter ergänzt werden und neue Aspekte der Bauer-Forschung hinzukommen. Auch werden neue Quellen ausgewertet und Bauers Werk vor allem im Hinblick auf das Thema Menschenrechte und Widerstand zugänglich gemacht werden. Auf der Website werden für Lehrkräfte und Schüler/innen pädagogische Materialien angeboten, die als Broschüre oder Hefte zur Verfügung gestellt, bei der BUXUS EDITION erworben und vielfältig im Unterricht oder Bildungswerkstätten und Seminaren eingesetzt werden können.

Die Seite kündigt Veranstaltungen, Vorträge und Seminare über Fritz Bauers Leben und Werk an.

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