FRITZ BAUER PREIS DER HUMANISTISCHEN UNION


„Der Fritz-Bauer-Preis wurde von der Humanistischen Union 1968 gestiftet in Erinnerung an ihren Mitbegründer Fritz Bauer, den langjährigen Generalstaatsanwalt von Hessen und sozial engagierten Juristen. Mit dem Preis will die Humanistische Union Verdienste um die Humanisierung, Liberalisierung und Demokratisierung des Rechtswesen würdigen und Frauen und Männer auszeichnen, die unbequem und unerschrocken der Gerechtigkeit und Menschlichkeit Geltung verschaffen.“


Die Preisträgerinnen und Preisträger seit 1968

2014 Edward Snowden - 2012 Prof. Dr. Joachim Perels - 2010 Helmut Kramer - 2008 Klaus Waterstradt - 2006 Burkhard Hirsch - 2004 Susanne von Paczensky - 2003 Dieter Schenk - 2001 Erstunterzeichnende des Aufrufs zur Verweigerung im Kosovo-Krieg - 2000 Regine Hildebrandt - 1999 Helga Seibert - 1998 Günter Grass - 1996 Hanne und Klaus Vack - 1995 Hans Lisken - 1993 Erwin Fischer - 1990 Liselotte Funcke - 1988 Eckart Spoo - 1986 - Ossip K. Flechtheim - 1985 Rosi Wolf-Almanasreh - 1984 Ulrich Finckh - 1983 Erich Küchenhoff - 1982 Ruth Leuze - 1981 Ulrich Vultejus - 1980 Peggy Parnass - 1978 Gerald Grünwald - 1977 Heinz D. Stark - 1976 Werner Hill - 1975 Helmut Ostermeyer - 1973 Heinrich Hannover - 1972 Emmi Diemer-Nicolaus - 1971 Birgitta Wolf - 1970 Gustav Heinemann - 1969 Helga Einsele

 

Laudatio zur Verleihung des Fritz Bauer Preises an Prof. Dr. Joachim Perels 2012

Von Irmtrud Wojak

Lieber Joachim, sehr geehrte Frau Will, sehr geehrte Damen und Herren,

lassen Sie mich mit einer persönlichen Bemerkung beginnen: Tatsächlich wüsste ich in den historisch-politischen Wissenschaften, in denen Joachim Perels forscht, lehrt und sich politisch engagiert zu Wort meldet – also in der juristischen Zeitgeschichte, in den Politik- und den Sozialwissenschaften, auch in der Theologie und Religionsphilosophie – , wohl kaum einen, dem der Fritz Bauer-Preis der Humanistischen Union eher zu verleihen wäre als Dir, lieber Joachim.

Wer eine solche Behauptung aufstellt, sollte sie auch begründen können. Diesen Versuch wage ich gerne als Biographin Fritz Bauers, ist doch mit der Freude über den Preis die erwünschte Gelegenheit verbunden, Dir, Joachim, in aller Offenheit und Öffentlichkeit Dankzusagen: Dank für Dein unermüdliches Engagement, mit dem Du unter zum Teil widrigen Umständen zum Entstehen der Fritz Bauer-Biographie beigetragen hast und besonders Dank für Deine Freundschaft. Du hast mich immer ermutigt und darin bestärkt, Fritz Bauers Aufruf für eine humane Rechtsordnung, für die zu kämpfen er mit dem Mut des Überlebenden aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrte, trotz aller Widrigkeiten nicht aus dem Auge zu verlieren und – so jedenfalls kommt es mir vor – darin siehst Du nach wie vor eine aktuelle Aufgabe.

Humane Rechtsordnung als gelebte Geschichte

Womit wir auch schon beim Thema des heutigen Abends sind, das für Dich, vergleichbar den persönlichen Erfahrungen Fritz Bauers, ein Stück gelebte Geschichte ist. Ich brauche in diesem Zusammenhang nur an das jüngste Symposion zu denken, das heute vor fünf Monaten im Leibniz-Haus in Hannover zu Deinen Ehren stattfand. Die Veranstaltung – aus Anlass Deines 70. Geburtstages – stand unter dem Titel „Rechtsstaatliche Demokratie und Erbschaft des Nationalsozialismus in der frühen Bundesrepublik“. Ein in der Wissenschaft und Öffentlichkeit, nicht zuletzt in der Politik bis heute kontrovers diskutiertes Thema, das allerdings schon viel über den heutigen Preisträger sagt. Denn der Titel „Erbschaft des Nationalsozialismus“ war natürlich nicht zufällig gewählt, ebenso wenig wie der Name Fritz Bauer auf dieser Tagung nicht gerade zufällig öfters fiel.

Offenbar gibt es im Leben und Werk von Fritz Bauer und Joachim Perels Übereinstimmungen nicht nur im Denken, sondern auch im beruflichen und politischen Handeln. Festzuhalten ist, dass beide dies nicht voneinander getrennt haben, ich denke eher, ihr Leben wurde von dieser Einheit geprägt, die den „homo politicus“, wie ihn der Historiker Theodor Mommsen charakterisiert hat, besonders auszeichnet. „Der schlimmste aller Fehler ist, wenn man den Rock des Bürgers auszieht, um den Gelehrtenrock nicht zu kompromittieren“. Dieses Prinzip Theodor Mommsens trifft auf beide Juristen, die wir heute ehren zu: den in erster Linie Praktiker Fritz Bauer und den in erster Linie Gelehrten Joachim Perels. Beide sind sich nicht zu fein für eine journalistische Stellungnahme, um vom demokratischen Standpunkt aus Stellung gegen reaktionäre und anti-pluralistische Tendenzen zu beziehen, selbst wenn ihnen dies – was historisch besehen leider nicht selten ist – zum persönlichen Nachteil gereicht.

Den Menschen zugewandt

Die Rede ist von zwei Persönlichkeiten, die wissen, was aufrechter Gang und Zivilcourage ist, die nicht nur so denken, sondern danach handeln. Beide sind sich im Klaren, dass das Vergangene fortwirkt. Und beiden ist dies umso bewusster, als ihr demokratischer, unverrückbar rechtsstaatlicher Standpunkt aus der eigenen, persönlichen Betroffenheit erwachsen ist: Joachim Perels‘ Vater Friedrich Justus Perels wurde nach dem 20. Juli 1944 von den Nazis ermordet, Fritz Bauer war im Konzentrationslager und er musste aus Nazi-Deutschland unter das dänische, später das schwedische Strohdach fliehen.

Wenn ich nach einem Ausdruck gefragt würde, der Dich, lieber Joachim, und Fritz Bauer verbindet beziehungsweise Eure Persönlichkeiten zureichend charakterisieren könnte, dann würde ich, auch ohne dass ich Fritz Bauer persönlich kannte, ohne zu Zögern antworten: Es ist Eure Zugewandtheit zu den Menschen. Ja, ich würde es wagen, hier von Menschenliebe zu sprechen und dabei betonen, dass diese Liebe umso merkwürdiger ist, wenn ich mir gleichzeitig das Verfolgungsschicksal Eurer beider Familien in der Zeit des nationalsozialistischen Regimes vorzustellen versuche und dann auch noch, als wäre all das Furchtbare nicht schon genug gewesen, die Verdrängung und Abwehr gegenüber dem Erlebten und Erlittenen nach 1945. Ich habe mich das oft gefragt: Wie ist es möglich und woher kommen die Kraftquellen, die Menschen weiter zu lieben, wenn einer dem Konzentrationslager entkommen ist und ermordet werden sollte? Die Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger überschreibt ihre Autobiographie bezeichnenderweise „weiter leben", aber einfach ist das nicht.

Wie ist es möglich, den Menschen weiter herzlich zugewandt zu sein, wenn der Vater wegen seiner Mitwissenschaft am Attentat des 20. Juli 1944 von einem Sonderkommando des Reichssicherheitshauptamtes ermordet wurde? Denn das geschah in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945, als Du, Joachim, gerade erst zwei Jahre alt warst und Dein Vater zusammen mit Klaus Bonhoeffer, Rüdiger Schleicher sowie anderen, nach dem Attentat Inhaftierten und vom Volksgerichtshof zum Tode Verurteilten, zum Prinz-Albrecht-Palais gebracht werden sollte. Als Justitiar war Dein Vater der Bekennenden Kirche behilflich gewesen. Er hatte die Verfolgten anwaltlich beraten und ihnen geholfen. Wie lange hatten er und Deine Mutter Helga zu diesem Zeitpunkt bereits in Angst oder jedenfalls doch in Sorge um das eigene Leben gelebt und dann natürlich auch um Deines?

Du hast das Erbe Deines Vaters angenommen, indem Du trotz aller Kritik und Anfeindungen, die eine offene Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus immer noch auslöst – weil damit die Aufforderung verbunden ist, die eigene Geschichte und das eigene Handeln neu zu durchdenken –, Du hast in dieses Erbe des Widerstands eingewilligt, indem Du gerade dieses Thema in allen Facetten Deines Gelehrten- und politischen Lebens zu Deiner Hauptaufgabe gemacht hast.

Oskar Negt, Dein politischer Weggefährte und Freund, hat über die Motive des Erinnerns und Aufarbeitens als bestimmende Faktoren für Dein Leben und Werk in der Kritischen Justiz (die Du mit Fritz Bauer, Jan Gehlen und anderen gegründet hast und deren Redaktion Du heute noch angehörst) geschrieben, dass Du Dein wissenschaftliches und politisches Leben den Opfern der Geschichte in einer Weise gewidmet hast, „wie das in der akademischen Welt nur selten anzutreffen ist“ (KJ, H.2 (2012), S. 125). In der Geschichtsschreibung beispielsweise, dies ließe sich hier anfügen, sind es immer noch in erster Linie die Verfolgten selbst, die vor den Nazis fliehen mussten, die unser Narrativ, das von der Gesellschaft der Täter bestimmt ist, um die Stimmen der Opfer und Überlebenden ergänzen. Und ebenso sind es die Historiker jüdischer Herkunft oder ein Jurist wie Fritz Bauer, die über die Gegenwart der Vergangenheit in der eigenen Geschichte reflektieren, das eigene Werk als Teil einer historischen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklung sehen. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die bedeutenden autobiographischen Werke von Fritz Stern, Saul Friedländer, George L. Mosse, Peter Gay und anderen.

Suche nach dem Sinn des Opfers

Du hast diese emanzipatorischen Wurzeln in Deiner Familie väterlicherseits ebenfalls, Joachim, und deshalb hat die berührende Würdigung Oskar Negts zu Deinem Geburtstag mich zu neuem Nachdenken über Dein Werk angeregt, insbesondere über die Frage nach dem Sinn des Opfers. Die enge Verknüpfung von Sinn und Opfer, schreibt Oskar Negt, die er in Deinen juristischen und politikwissenschaftlichen Schriften wahrnehme, könne nur gelingen, „wenn die Gesellschaftsanalysen mit einem Schuss religiösen Bewusstseins versetzt sind“. Tatsächlich steht, ähnlich wie bei Fritz Bauer, die Frage nach dem Sinn des Opfers und Überlebens im Zentrum Deines Forschens und Lehrens. Negt schreibt allerdings auch: „Joachim Perels ist kein Davongekommener, kein Überlebender im Sinne Giordanos. Er ist 1942 geboren, Kriegskind, mit allen Schreckenserfahrungen damaliger Kindheit.“

Zurückblickend auf unsere gemeinsame wissenschaftliche Arbeit und die damit verbundenen Erfahrungen hat dies für mich die Frage aufkommen lassen: Wer ist eigentlich Opfer und Überlebender? Gehört das Kind eines Opfers des 20. Juli 1944 wirklich nicht zu den „Davongekommenen“ im Sinne Giordanos, sondern zur Gemeinschaft der so genannten „Kriegskinder“, was im Grunde auch eine fragwürdige generationsbedingte Zuschreibung ist, die erst in jüngerer Zeit aufkam? Warum ist das überhaupt eine so wichtige Frage? Weil die mit Nachdruck eingeforderte geschichtliche Erinnerung an die Opfer und Überlebenden, auf deren Seite Du stehst, auffällig ist in dem Sinne, dass der Grundton der Verwundung und Empathie, der aus Deinen Schriften spricht, sonst nur aus einem Schuldgefühl derer entsteht, die die Hölle von Auschwitz überlebt haben?

Ich stelle diese Frage, weil mir immer unverständlich geblieben ist, warum die Opfer und Überlebenden sich schuldig fühlen sollten. Ich denke vielmehr, ihnen wurde nicht selten ein Schuldkomplex und schlechtes Gewissen unterstellt, das so genannte „Überlebenden-Syndrom“, das aus ihrem schwer erkämpften Überleben resultieren sollte. Der Wunsch der Überlebenden, Zeugnis abzulegen, wurde vielfach psychopathologisch gedeutet. Die Wissenschaft erfand hierfür auch den Begriff des 'Überlebendenkomplexes': Gelobt wurden dementsprechend „beeindruckende Bewältigungsstrategien“ oder auch die „enormen Integrationsleistungen“ der Überlebenden. Man könnte auch sagen: was für eine Infamie. Hier werden Opfer noch nachträglich zu Sündenböcken gemacht und bemitleidet in dem Sinne, dass ihnen bescheinigt wird, sich letztlich doch wieder gut eingefügt, also an die herrschende Tendenz angepasst zu haben. Dabei müssten sich doch wohl diejenigen schuldig fühlen, die zuließen, dass Auschwitz Wirklichkeit wurde!

Bittere Nachkriegs-Wirklichkeit

Die bittere Nachkriegs-Wirklichkeit der Überlebenden wird noch immer verdrängt. Ihnen wird ein „Komplex“, ein schlechtes Gewissen unterstellt, weil dies den eigenen Wunschvorstellungen entgegenkommt und das Leben leichter macht. Davongekommen zu sein, wie es Giordano nennt, bedeutet dabeigewesen zu sein, als Opfer im Widerstand. Was wir uns offenbar noch immer nicht eingestehen wollen sind das peinliche Schamgefühl und der Schmerz, zugelassen zu haben, dass Menschen dies ihren Mitmenschen antun.

Der Psychoanalytiker Arno Gruen (1923 in Berlin geboren, 1936 über Polen und Dänemark in die USA emigriert, heute in der Schweiz lebend) hat in seinen Forschungen über die menschliche Destruktivität die Unfähigkeit, sich mit der Sinnlosigkeit des Schmerzes auseinanderzusetzen, als Teil der Bewusstseinsspaltung unserer Kultur erklärt, die Schmerz ignoriert und verleugnet. Auch Fritz Bauer spürte dies und formulierte 1966 hinsichtlich der Nazi-Täter, dass es in den NS-Prozessen „in denen es an belastenden Dokumenten und Zeugen nicht gefehlt hat und ein Geständnis ihre prozessuale Situation nicht erschwert, sondern eher erleichtert hätte, […] häufig an jedem Respekt vor den überlebenden Opfern der Grausamkeiten [fehlte].“

In der juristischen Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen nach 1945 kam die Leugnung der eigenen Mitwirkung an den Gräueltaten, auch die Abwehr des Mitwissens, in der Gehilfenrechtsprechung und einer Überdehnung der subjektiven Teilnahmelehre zum Ausdruck, die die willigen Vollstrecker des Nazi-Regimes in harmlose Gehilfen eines ihnen fremden Geschehens verwandelte. Als wären sie nicht dabeigewesen und als ließe sich im Namen des Unrechts Recht sprechen - auch nachträglich noch. Auf intellektueller Ebene nehmen wir den Schmerz wahr, doch, so formulierte es Arno Gruen: „Wir begegnen dem Zeugnis des Überlebenden mit Lippenbekenntnissen, zugleich verkennen wir ihn, indem wir ihn als neurotisch abtun.“

Ein Abwehr- oder auch „Selbstschutz“-Mechanismus, der auch in der von Saul Friedländer kritisierten Behauptung einer „mythischen Erinnerung“ der Überlebenden zum Ausdruck kommt, die angeblich „einer ‚rationalen‘ deutschen Geschichtsschreibung ein Hindernis in den Weg [lege]“. Darin kommt zwar eine Hochachtung gegenüber den Überlebenden zum Ausdruck, die jedoch mehr einem abstrakten Prinzip dient und unser Leben auf Erden zugunsten eines anderen, „höheren“ Lebens negiert, das „woanders“ stattfindet. Doch Auschwitz und die Morde nach dem 20. Juli 1944 fanden hier auf der Erde statt, ausgelöst und durchgeführt von uns Menschen. Was ich mit diesen Überlegungen zum Ausdruck bringen möchte und was mich in unserer langjährigen Zusammenarbeit am meisten bewegt hat, Joachim, das ist die Tatsache, dass Du Dich, auch hier ähnlich Fritz Bauer, immer als Teil dieser unserer Gemeinschaft gesehen hast, in der Auschwitz möglich wurde – obwohl Dein Vater von den Nazis ermordet wurde. Für mich hast Du gerade deshalb immer zu den Überlebenden gehört und stehst an ihrer Seite. Warum sonst diese Zurückhaltung in der Preisgabe der eigenen Geschichte?

Ich habe oft erlebt, wie Du Dich bemühtest, uns den Schmerz der in frühester Kindheit erlebten Verluste mit allen Folgen für Dich und Deine Familie nicht spüren zu lassen. Viel zu oft bekamst Du die Abwehr derjenigen zu spüren, die mit der Wut des schlechten Gewissens auf Deine Geschichte reagierten und die nötige Empathie vermissen ließen. Wir haben nicht oft darüber gesprochen, doch das mit diesen Erlebnissen immer wieder Zerreißproben verbunden sind, lässt sich denken. Ich selber habe mehrere davon miterlebt, vor allem am Fritz Bauer Institut, wo Du in der Auseinandersetzung um Bauers Biographie und die Ausstellung über den Auschwitz-Prozess die eigene Geschichte nicht zur Sprache brachtest, weil Du wusstest, Ewiggestrige würden dies gegen Dich verwenden. Was für ein Irrsinn, fünfzig Jahre nach der NS-Herrschaft.

In den Auseinandersetzungen um das Auschwitz-Urteil und die 2004 realisierte Ausstellung über den Auschwitz-Prozess des Fritz-Bauer-Instituts kam immer wieder die Weigerung zum Durchbruch, die Geschichte mit den Augen der "Anderen", der Opfer und Überlebenden zu betrachten. Und dabei konnte doch jeder sehen, was diese Ablehnung, die Dir entgegenschlug, auslöste.

Geschichte neu denken - Dank

Die Vergangenheit ist lebendig. Es sind die Minderheitspositionen und erzwungenen Außenseiterrollen, mit denen wir uns auseinandersetzen sollten und müssen, wenn wir die eigene Geschichte verstehen wollen. Es geht darum, unsere Geschichte mit den Augen der "Anderen" zu sehen, was weniger eine historische, als vielmehr eine Gegenwarts- und Zukunftsaufgabe ist. Wichtiger noch ist der eingangs erwähnte Aufruf Fritz Bauers zu einer wahrhaft humanen Rechtsordnung. Dringender noch als im Jahr 1963, als er uns in einer Gedenkrede für das Mädchen Anne Frank aufforderte, unsere Geschichte mit den Augen der unschuldigen Opfer und Kinder zu sehen, müssen wir die Zeit vor und nach 1945 erforschen, um den "Fremden in uns" (Arno Gruen) zur erkennen.

Wir sollten lernen, uns auf eine Begegnung mit diesem „Fremden" einzulassen. Erlebte Geschichte neu zu durchdenken und verkrustete Vorurteilsstrukturen aufzubrechen, bedeutet den eigenen Schmerz anzuerkennen und sich nicht länger hinter peinlich empfundener Scham zu verstecken. Es wäre dies die Anerkennung und der notwendige Respekt vor dem „Nie wieder!“ der Opfer und Überlebenden. Gerade von uns, den nachfolgenden Generationen derjenigen, sie sich an der "Realisierung des Utopischen" beteiligten, wäre dies das Bekenntnis zu einer neuen Welt.

Lieber Joachim, lass mich damit schließen. Du hast in einer Aufsatzsammlung über die Konfliktlinien im Umgang mit dem Hitler-Regime, die Du unter dem Titel Entsorgung der NS-Herrschaft veröffentlicht und Fritz Bauer, dem Juristen aus Freiheitssinn, gewidmet hast, seine Worte zitiert und gesagt: „Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird.“ Dein wissenschaftliches und politisches Leben, das Du wie Fritz Bauer der Aufarbeitung der Staatsverbrechen des NS-Regimes gewidmet hast, ist die notwendige positive Kehrseite, ist das positive Tun im Sinne des Juristen aus Freiheitssinn, das Dich für den Fritz Bauer-Preis der Humanistischen Union so sehr auszeichnet: Es ist Dein Lebenswerk, das historisch ebenso wie politisch das Widerstandsrecht, aber auch die Widerstandspflicht eines jeden vergegenwärtigt. Für dieses Werk danken wir Dir. Wir haben Dir, Fritz Bauer und allen Überlebenden weit mehr zu verdanken, als dies wohl den meisten Menschen bis heute bewusst ist.

Kassel, den 22. September 2012



Allgemeine Informationen

Erläuterungen zur Begründung des Fritz-Bauer-Preises, zu Werk und Wirken des Namensgebers sowie den Vergabekriterien der Humanistischen Union finden Sie hier.

Auf dieser Seite schreiben:

Udo Kauß „Zur Geschichte und Aktualität“ des Fritz Bauer Preieses (25. September 20013),

Claudia Fröhlich über „Fritz Bauer zwischen Justiz und Politik. Die Veränderungen seiner politischen Strategie in den sechziger Jahren“ und

Irmtrud Wojak über „Fritz Bauer – Stationen seines Lebens“.


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