IN MEMORIAM DR. FRITZ BAUER


„Sein Tod ist der schmerzlichste Verlust, der das deutsche 
Rechtsleben nach dem Kriege getroffen hat.“'    
Richard Schmid


Fritz Bauers Tod kam im Juli 1968 überraschend. Der Generalstaatsanwalt hatte gerade erst seine Pensionierung verschoben. Er wollte bis zum 68. Lebensjahr im Amt bleiben. Bauer fühlte sich nicht am Ende seiner Kraft, so sehr ihm die Anfeindungen und der politische Trend nach rechts, die Unterstellungen, die man ihm machte, auch zuzusetzen vermochten. Er litt darunter, „weil er wusste, dass dieser Haß in Wahrheit dem anderen, dem besseren Deutschland galt“, schrieb das Sonntagsblatt am 9. Juli 1968. In der Zeitung Die Tat hieß es, für alle, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen, „war er der bestgehaßte Mann in der Bundesrepublik“. Große Hoffnungen hatten viele in ihn gesetzt, vor allem die jüngere Generation. Dabei blieb er ein Verfolgter, dem es an aktiver Unterstützung fehlte.

Doch Fritz Bauer war auch „Ein Streiter ohne Furcht und Tadel“: „Ihn focht nicht an, daß seine humane Gesinnung bis zuletzt von vielen mißverstanden wurde, nicht nur von den Ewiggestrigen.“ So jedenfalls verlautbarte die Neue Presse am 2. Juli 1968.

Der hessische Justizminister Strelitz (SPD) gab am 3. Juli bekannt, eine gerichtsmedizinische Untersuchung habe ergeben: "Herzversagen bei akuter Bronchitis (...). Ein verschulden Dritter sei mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen.“ (Frankfurter Rundschau, 4. Juli 1968) Neuere Untersuchungen von Brandenburgs Generalstaatsanwalt Prof. Dr. Erardo Rautenberg (vgl. Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Dezember 2015) haben indessen ergeben, dass sich weder Selbstmord noch Fremdeinwirkung gänzlich ausschließen lassen.


„Ungeheurer Mut“ 

Hessens Justizminister betonte, der Generalstaatsanwalt habe die Anfeindungen jedenfalls nach außen mit der Überlegenheit des Weisen getragen: „Sein Elan war ungebrochen. Seine Stimme, die temperamentvolle, seine schwäbische Heimat nie verleugnende Diktion, ließ sich ausschließlich im Dienst seiner Sache und seiner Ziele, nie in eigener Person vernehmen. Nur wer ihm nahe stand, wer ihn in ganz vertrauten Stunden, im Gespräch kennenlernen konnte, wie es mir in der letzten Woche zweimal vergönnt war, der bemerkte plötzlich, wie sehr Bauer unter der Gegnerschaft und der Anfeindung litt, die ihm nur zu oft entgegenschlug. Dies alles hat ihn im Grunde jedoch nicht irre gemacht an dem, was er wollte. Denn in Bauer war ein ungeheurer Mut lebendig. Was ihn bedrückte, das war die Ungerechtigkeit der Vorwürfe; was ihn quälte, das war die Feindschaft gegen die Humanität, die hinter diesen auf seine Person gezielten Vorwürfen stand. Das verwundete ihn: Die gewollte Mißdeutung seiner Motive.“

Welche das waren, hatte Fritz Bauer in seiner Antrittsrede 1956, die auf Goethes Auffassung über das Recht und den Strafzweck aufbaute, zum Ausdruck gebracht. Der heutige Staat, hatte er damals betont, sei nicht mehr frei in der Wahl des Strafzwecks. Er könne nicht mehr nach Belieben entweder Vergeltung, Abschreckung oder Besserung bevorzugen. Denn im Grundgesetz sei die Bundesrepublik nicht nur als Rechtsstaat, sondern ausdrücklich „als ein demokratischer und sozialer Rechtsstaat deklariert. (...) Jeder Strafprozess müsse als ein Teil der sozialen Frage aufgefasst werden, denn die Gesellschaft trage stets die Mitschuld an jedem Verbrechen.“ (Frankfurter Rundschau, 9. April 1956)


„Verbundenheit mit allen Hitler-Gegnern“

Die Gefangenen und die Widerstandskämpfer und Überlebenden des NS-Regimes verloren mit Bauers Tod ihren Fürsprecher, eine entscheidende, wenn nicht die entscheidende Stimme. Bestürzt erklärte Kaplan Joseph C. Roissant, selbst ein Überlebender der Nazi-Herrschaft und Mitbegründer der Vereinigung der Verfolgten des Nationalsozialismus, dass Bauers „Verbundenheit mit allen ehemaligen Hitler-Gegnern und Opfern“ ihm deren Liebe und ständige Erinnerung und ein tiefes Dankgefühl sichere.

Es gab niemand, der Bauer in der Justiz ersetzen und an seine Stelle treten würde. Auch deshalb geriet der Jurist nach seinem Tod bald in Vergessenheit. In der Frankfurter Rundschau erschien am 2. Juli 1968 eine erste, kurze Nachricht:

„Fritz Bauer ist tot: Es fehlen die Worte. Man könnte Bücher über den hessischen Generalstaatsanwalt schreiben, die Biographen werden es auch noch tun. Aber diese Meldung lähmt: Fritz Bauer ist tot. Und es widerstrebt, in Unverbindlichkeiten zu flüchten. Alle Worten wirken schal und leer: Schmerzlicher Verlust, unersetzlich, unvergessen ... Dieser von Temperament überschäumende Mensch – man wehrt sich dagegen, möchte die Todesnachricht verdrängen.
Aber nicht alle haben ihn geliebt. Dazu war Fritz Bauer viel zu ehrlich. Er hatte nicht nur Freunde. Dazu war er viel zu unbequem. Wenn es um das Recht ging. Besser: Das, was er darunter verstand. Das war etwas anderes, als bei uns allgemein üblich. Und so bezahlte er für seine Rechtsgesinnung mit vielen persönlichen Opfern. Nein, die ewig Gestrigen haben ihn nicht geliebt, ihnen ging sein Blick zu sehr in die Zukunft. Und zu sehr in die Vergangenheit: das war ihnen vielleicht noch unangenehmer. Aber in dieser Stunde ist es ein Trost zu wissen, daß Fritz Bauer in der jungen Generation fast nur Freunde hatte...“

In den Gedenkartikeln wurde die Außenseiterposition Bauers deutlich. Manche nahmen kein Blatt vor den Mund, artikulierten Selbstzweifel, was ihr Engagement für den Juristen und seine Sache betraf. Auf der offiziellen Trauerfeier fand Dr. Robert M. W. Kempner, Ankläger im Nürnberger Prozess und ebenfalls Verfolgter des nationalsozialistischen Regimes, treffende Worte. Er nannte Bauer prophetisch, erinnerte daran, dass dieser im schwedischen Exil ein Buch über Kriegsverbrechen vor Gericht geschrieben hatte, das in Nürnberg verwandt wurde.


„Der größte Botschafter, den die Bundesrepublik hatte"

„Zehntausende von Verfolgten in den USA, in Australien, in Kanada, in Südamerika, in Israel und in vielen anderen Ländern der Welt trauern um Fritz Bauer“, sagte Kempner und nannte die Gründe für Bauers manchmal spürbare Resignation: „die immer stärker werdende Inadäquatheit der verhältnismäßig milden Bestrafung von Massentätern in Mordsachen einerseits und die strenge Bestrafung von Einzeltätern in Mordsachen. Das war etwas, was ihn bedrückte, vielleicht nicht seelisch, aber beruflich.“ „Haben wir uns eigentlich genug um Fritz Bauer ‚gekümmert’“, habe er sich gefragt, und Klempners Antwort fiel eindeutig aus: „Wir hätten gewiß viel, viel mehr für ihn tun können und müssen und ich für meine Person bedaure es heute, daß man Leuten, die gemeinsam gegen ihn waren – und ich sage es ganz offen – daß wir solchen gemeinen politischen Rufmördern nicht links und rechts in die Fresse geschlagen haben.“

Für Robert M. W. Kempner war Dr. Bauer der Sprecher der Ermordeten, der zu bescheiden war, um zu wissen, dass sein Banner weiter steht. „Er war“, sagte der Ankläger von Nürnberg, „der größte Botschafter, den die Bundesrepublik hatte!“


„Dem Mitmenschen zu helfen“

Der Ortsverband der Humanistischen Union, die Bauer mitbegründet hatte, würdigte in der offiziellen Trauerfeier den schweren Weg im Leben, den der Generalstaatsanwalt gegangen war, und dass er sich doch nie versagt hatte, „wenn es galt, in schweren Stunden und schwierigen Situationen mit Rat und Hilfe sich persönlich einzusetzen.“ Er sei kein harter und unerbittlicher Ankläger gewesen, im Gegenteil: „im Beruf des Staatsanwalts, in der ganzen Welt, (sind) nur in sehr seltenen Ausnahmefällen Humanisten im schönsten Sinne des Wortes, wie Fritz Bauer einer war, zu finden“.

Die Humanistische Union stiftete nach Bauers Tod den „Fritz Bauer Preis“, während ihn seine eigene Partei, die SPD, lange Jahre vergessen hat. Er war den Parteioberen wohl zu kämpferisch und leidenschaftlich, zu wenig politischer Taktiker und Diplomat in eigener Sache. Erst Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) brach 2014 mit dieser Tradition und stiftete den „Fritz Bauer Studienpreis für Menschenrechte und juristische Zeitgeschichte“ mit den Worten:

„Fritz Bauer hat sich für die Demokratie eingesetzt, als das viel zu wenige Juristen in Deutschland taten. Er hat gegen große Widerstände in der Justiz das Unrecht der Nazis vor Gericht gebracht. Und er hat sich stets für ein modernes und humanes Strafrecht engagiert. Fritz Bauer hat seinen Beruf als Richter und Staatsanwalt als Verpflichtung verstanden, sich für die Demokratie und die Menschenrechte stark zu machen. Zu seinen Lebzeiten war er verfolgt, verhasst und umstritten; heute ist Fritz Bauer ein Vorbild für allen Juristinnen und Juristen. Deshalb habe ich diesen Preis gestiftet.“


„Das Gute im Menschen zu erkennen“

Auch Generalstaatsanwalt Mützelburg, Fritz Bauers Nachfolger in diesem Amt in Braunschweig und in seiner Nachfolge dienstältester Generalstaatsanwalt, erinnerte 1968 an Dr. Bauers Dienst am Mitmenschen. Er sah dies vor allem darin zum Ausdruck kommen, dass Bauer versuchte, die Ursachen der Verbrechen zu erforschen, wobei sein Herz immer für alles Menschliche, auch für die menschlichen Schwächen und Fehler geschlagen habe. Trotz bitterer Erfahrungen und Enttäuschungen habe Dr. Bauer darum gerungen, „das Gute im Menschen zu erkennen, es zu wecken und zu wahren". „Niemand“, so Generalstaatsanwalt Mützelburg, „hätte sich mehr als er als ein Vater der Gefangenen fühlen können, denen sein Eintreten für einen modernen Strafvollzug letzten Endes galt.“

Das sah auch der Verein „Zuflucht, gemeinnützige Bürgerhilfe e.V.“ so, der am 3. Juli 1968 in der Süddeutschen Zeitung eine Anzeige veröffentlichte, um dem „unersetzlichen Freund“ zu gedenken, der die Frankfurter Arbeitsgruppe des Vereins geleitet hatte und Vorsitzender des Juristischen Beirats war. Zu den Unterzeichnern für den Verein, der entlassenen Gefangenen Hilfe leistet, gehörten Rechtsanwalt Till Burger, Senator Dr. Karl Baer, Brigitta Wolf, Dietrich Bahner, Wolfgang Lohmüller, Waldemar v. Knoeringen (MdL) und Dr. Josef Müller (Staatsm. a. D.) – eine politisch gemischte Gesellschaft.

In einer Kurznachricht auf Seite 2 würdigte die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung Fritz Bauer und spielte darauf an, dass dieser in einer Strafanstalt Gefangene einmal mit „Kameraden“ angesprochen hatte. Der Jurist sei zutiefst davon überzeugt gewesen, dass die Gesellschaft für die Straftaten ihrer Mitglieder verantwortlich ist, „dass die persönliche, sittliche Schuld eines Täters darüber in den Hintergrund zu treten habe.“ Bauer habe mit seiner von der Kriminologie geprägten Auffassung von einem neuen Strafrecht zu den Einzelgängern gezählt. „Seine Lauterkeit und Toleranz, sein Mut, den eigenen Weg zu finden, wurde von allen anerkannt, auch von solchen, die seinen Gedanken nicht folgten.“


„Um den Menschen verdient gemacht“

Karl Heinz-Krumm (1930-1992), der fünf Jahre in einem Straflager in der Sowjetunion überlebt hatte und nach seiner Freilassung 1955 bei der Frankfurter Rundschau eine Anstellung fand, hob ebenfalls das humane Engagement Dr. Bauers in seinem Gedenkartikel am 3. Juli 1968 hervor. Dieser sei ein politischer Mensch gewesen, aber er kannte keine Tabus, schrieb Krumm. Bauers Devise sei gewesen, dass es nicht genügt, Weisheiten zu verkünden, es müsse auch danach gehandelt werden. Und das tat der Genrealstaatsanwalt: „Es kam vor, daß ihn spät nachts frühere Häftlinge, plötzlich in bittere Not geraten, daheim anriefen und um Rat baten. Bauer wies niemanden ab. Menschenwürde war für ihn etwas Unantastbares.“

Letzte Hoffnung für viele, so Krumm, sei der Jurist gewesen. Bauers Leben und Wirken sei nicht mit billiger Rhetorik und feierlicher Nachrufroutine zu bewältigen, “sondern verlangt das Bekenntnis zu seiner fast religiösen Menschlichkeit, seiner Auffassung von Schuld und Strafe, von Recht und Gesellschaft.“ In seinen bekanntesten Werken „Das Verbrechen und die Gesellschaft“ und „Auf der Suche nach dem Recht“ habe Fritz Bauer seine Rechtsauffassung umfassend und überzeugend dargelegt. Der Journalist hob besonders zwei Sätze hervor: „Juristen und Laien müssen Skepsis lernen, sie mögen und müssen das Risiko vor Augen haben, das in jedem Richten liegt.“ Oder: „Gerechtigkeit und Recht werden erst wahr und wirklich, wenn Liebe, deren Teil die Gnade ist, sich mit dem Gesetz vereint. Liebe steht nicht außerhalb des Staates, nicht an seinem Rande. Sie ist letztlich seine Mitte.“

Bei Fritz Bauer müsse es nicht wie sonst üblich heißen, er habe sich um das Vaterland verdient gemacht, sondern: „Er hat sich um den Menschen verdient gemacht.“


„Fritz Bauer wollte keine Rache“

In den Gedenkartikeln war auch immer wieder von den Prozessen wegen NS-Verbrechen die Rede, insbesondere dem Auschwitz-Prozess, den Bauer initiiert hatte. Allerdings ebenso davon, wie Dr. Günter Blau in einem Leserbrief an DIE WELT betonte, dass Bauer keine Vergeltung wollte. Oberlandesgerichtsrat Blau kritisierte die lückenhafte Würdigung in der WELT, die geschrieben hatte: „Er hat sich im In- und Ausland mit der Aufdeckung und Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrecher einen Namen gemacht.“ Das sei zwar inhaltlich eine richtige Kennzeichnung, doch „durch ihre Lückenhaftigkeit geeignet, Bauer posthum als den ‚Racheengel’ abzustempeln, den viele, die ihn nicht richtig kannten, schon zu seinen Lebzeiten in ihm sahen. Sehr zu Unrecht.“

Oberlandesgerichtsrat Dr. Blau verfasste einen Nachruf für die Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform (H. 7/8, 1968, S. 363-365). Er hoffte, die Nachwelt würde den Namen Dr. Bauer nicht allein mit seinen Strafverfahren gegen die Mörder des Hitler-Regimes verknüpfen, sondern mehr noch mit seinen "in Büchern, Aufsätzen, Vorträgen und Podiumsgesprächen unermüdlich unternommenen Versuchen, die Zukunft im Bereich der Kriminalrechtspflege zu bewältigen". Bauers Wirkungen als Strafrechtsreformer, so Blau, beruhten vor allem "auf der existenziellen Einheit von Denken und Tun fern von jedem akademischen Schulenstreit". (...) Die Lebensthematik dieses Mannes, dem so oft innere Widersprüchlichkeit vorgeworfen wurde, war in Wirklichkeit von einer Geschlossenheit, in der auch weit auseinanderliegende Denk- und Forschungsansätze einander bedingten und 'existenziell' in einander integriert waren." Blau nannte als Beispiel, dass Bauer aus pragmatischen Gründen am Determinismus festhielt, sah er doch "in dem Bekenntnis zur Willensfreiheit einen bequemen Vorwand der Gesellschaft, den Straffälligen wegen seiner 'freien' Entscheidung (...) zu bestrafen, ohne die Determinanten seines Verhaltens aufklären zu müssen." Speziell die Verfahren gegen NS-Täter, in denen Bauer eine Wiederherstellung des Rechts und eine sozial-pädagogische Veranstaltung sah, machten dies deutlich.

Die Juristin und Frankfurter Professorin Ilse Staff schrieb der Zeitschrift Tribüne (H. 27, 1968) einen Nachruf, der die Tragik von Bauers Suche nach dem Recht zum Ausdruck brachte. Er traf dabei auf eine Gesellschaft, die Anpassung (Resozialisierung) einforderte, sich aber noch als anpassungswürdig erweisen musste: „Er war der Generalstaatsanwalt, der die Mörder von Auschwitz anklagte. Man hat es ihm in Deutschland wenig gedankt.“ Dass ihm keine Ehrung zuteil wurde, konnte Bauer nichts anhaben. Die Bosheit, mit der manche seiner Gegner und Kritiker ihm Inkonsequenz vorwarfen und unlautere Motive, das machte ihm zu schaffen. Ilse Staff brachte dies in ihrem Nachruf so schonungslos zum Ausdruck gebracht, wie es war:


„Für Fritz Bauer fing mit dem Auschwitz-Prozeß ein neues Auschwitz an“

"Da standen die Angeklagten vor deutschen Richtern - o ja, sie gaben den Vertretern der dritten Gewalt in der Bundesrepublik allen Respekt: sie beugten sich der Obrigkeit, wie sie es immer getan hatten, militärisch in Haltung und Rede. Die Zeugen, die ehemaligen Häftlinge von Auschwitz, stammelten, schluchzten, rangen um ihre Aussage - ihr Unterdrücker nicht. Sie standen vor einer neuen Obrigkeit und taten, was diese von ihnen verlangte. Kriminelle, die nicht mehr gefährlich sein sollen, vor denen die Menschheit nicht geschützt werden muss?
Wer Fritz Bauer während des Auschwitz-Prozesses erlebt hat, weiß um das Mit-Leiden, weiß um seine Verzweiflung. Da saß er - merkwürdig klein, zusammengesunken, hellwach, in seinen sehr gütigen klugen Augen Trauer um die Menschheit, in der Inhumanität nackte Wirklichkeit geworden war. Aber Auschwitz war und ist nicht vorbei. Und das ist das Quälende, das Nicht-zu-Überwindende: Für Fritz Bauer fing mit dem Auschwitz-Prozeß ein neues Auschwitz an. Die anonymen Anrufe, die anonymen Briefe, die täglich bis zu seinem Tode kamen. 'Judenschwein' wurde er genannt, er wurde bedroht, verfemt, erniedrigt. Damals begannen die Schlaflosigkeit, die Depressionen, die ungeheure Einsamkeit dieses Menschen Fritz Bauer, der so gütig war, so liebevoll, den Menschen zugetan. Sein Buch 'Auf der Suche nach dem Recht'  schließt mit den Sätzen: 'Rationalität und Humanität verbinden sich. Vielleicht ist deswegen einer der schönsten Sätze über Gerechtigkeit und Recht, was Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik meinte: 'Der Grundsatz, der am vollständigsten wahrem Recht entspricht, hat mit dem Wesen der Freundschaft zu tun.' Freundschaft selbst hat er in der gleichen 'Ethik' als das 'Allernotwendigste zum Leben' bezeichnet.'
Wie alle haben ihm, wie sehr wir ihn auch liebten, nicht genug Freundschaft, Wärme und Hilfe gegeben. Vielleicht waren es wenige, die wussten, wie einsam, wie verzweifelt er in der letzten Zeit seines Lebens war. Wir aber wussten es, und wir haben ihm nicht geholfen. In einer seiner letzten Veröffentlichungen: 'Schopenhauer und die Strafrechtsproblematik' heißt es: 'Der politisch tätige Mensch hält es mit dem Prinzip Hoffnung, mag er auch selbstkritisch sich mitunter des Gefühls nicht erwehren können, es könnte eine Lebenslüge sein.' In welcher Welt leben wir, in der ein Mensch, der das Schöne, Warme und Helle, der vor allem den Menschen so liebte, diesen Satz voller Bitterkeit und Zweifel schreiben musste?"

„Fremdling in der Stadt“

Dem Schriftsteller Horst Krüger, den Fritz Bauer zum Besuch des Auschwitz-Prozesses eingeladen hatte, stellten sich ebensolche Fragen. In seinem Gedenkblatt für Bauer in der ZEIT schrieb er am 12. Juli 1968:

"Ich stelle mir sein Ende vor; ein Rest von Geheimnis bleibt. Das klassische Ende eines Junggesellen in unserer modernen Industriegesellschaft. Der Dienstwagen der Staatsanwaltschaft, der ihn abholen sollte, fuhr am Montagmorgen wieder leer zurück. Man wartete auf dem Gericht, wurde unruhig, mißtrauisch, brach schließlich mittags die Wohnung auf. Man fand ihn im Badezimmer, im Wasser, tot. Wann? Der Arzt rekonstruierte, daß der Tod schon am Sonntagvormittag eingetreten sein mußte. Es war einer jener schwülen, subtropisch heißen Tage dieses Frühsommers, die solche jähen Kreislauftode befördern. Nach der Obduktion diagnostizierte der Arzt: Herzversagen bei akuter Bronchitis. Das war es also: das viele Rauchen, das heiße Bad... Das allein? Fritz Bauer hatte seit seiner Rückkehr aus der skandinavischen Emigration nur für unsere Demokratie, für etwas mehr Freiheit in unserer Gesellschaft gelebt. Gestorben war er allein, in seiner Wohnung. Manche werden aufatmen bei dieser Nachricht, aber einige haben ihn geliebt. Er war ein Emigrant zu Hause: ein Fremdling in der Stadt."

Für manche ist Fritz Bauer dieser Fremdling geblieben. Die Herausgabe seiner Gesammelten Werke, an denen sich das nach Bauer benannte Institut in Frankfurt am Main die Rechte gesichert hat, scheuen die Verantwortlichen seit Jahren. Statt dessen stochert das Institut seit einiger Zeit in seinem Privatleben herum. Doch es gab und gibt wie immer auch Zeichen der Veränderung.


„Jetzt beginnen sie, Fritz Bauer zu ehren“

Das dachte mit gewisser Bitterkeit auch Dr. Heinz Meyer-Velde, für den Fritz Bauer viele Jahre Freund und "geistiger Vater" war. Der Jurist und Ministerialbeamte, der als Anstaltsleiter im Strafvollzug tätig war, schrieb in einem Brief an Dr. Bauers Schwester Margot Tiefenthal bereits im November 1969: "Jetzt beginnen sie Fritz Bauer zu ehren, - und all die Leute auch, die ihn zu Lebzeiten bekämpften und ihm das Leben allzuoft mit Gemeinheiten zur Hölle machten." Er nannte neben dem Preis der Humanistischen Union das Haus für entlassene Strafgefangene, das in Bad Homburg nach Bauer benannt wurde, und eine Jugendstrafanstalt in Darmstadt, die den Namen "Fritz-Bauer-Haus" bekam. Am Eingang, schrieb er an Bauers Schwester, werde ein Relief-Porträt nach der Totenmaske Bauers angebracht, von dem Künstler Gotthelf Schlotter.

Wie Robert M. W. Kempner und Ilse Staff fügte Dr. Meyer-Velde hinzu, Fritz Bauer "hätte ein wenig mehr Zuneigung und Hilfe, ja nur ein wenig mehr Toleranz im Leben besser getan." Erst dann, wenn ein aufrechter Mann, "der die Menschen in ihrer Lethargie, in der Trägheit ihrer Herzen beunruhigt, tot ist, wenn er sie nicht mehr fordern kann (...) erst dann ehren sie ihn." 

Auf Bauer selber traf zu, was er über Heinz Meyer-Velde in dessen Gedichtband Wie gekenterte Schiffe (Verlag Neue Rabenpresse 1968) im Vorwort schrieb: "Für den Autor", so Bauer, "mag die Matthäus-Vision vom jüngsten Gericht einmal zutreffen, in der es heißt: 'Der König wird sagen: Kommt, ihr seid gesegnet, denn ich bin gefangen gewesen und ihr seid zu mir gekommen.'" 

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