DIE AKTE GENERAL ODER "EIN WARMER BRUDER"


EIN FILM VON STEPAHN WAGNER

Buch: Alexander Buresch; Produzent: Nico Hoffmann; in den Hauptrollen als Dr. Fritz Bauer: Ulrich Noethen, als Staatssekretär Dr. Hans Globke: Bernhard Schütz und als Bundeskanzler Adenauer: Dieter Schaad sowie David Kross als junger Staatsanwalt Joachim Hell


DIE AKTE GENERAL ODER "EIN WARMER BRUDER"

Rezension von Irmtrud Wojak

Eine „Planungspleite auf Öffentlich-rechtlich“ nannte Jochen Hieber in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24. Februar 2016), dass DIE AKTE GENERAL (Regie: Stephan Wagner) und DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER (Regie: Lars Kraume) parallel gedreht und kurz hintereinander im Kino beziehungsweise Fernsehen zu sehen waren. Dopplung von Stoff und Handlung komme beiden Filmen nicht zugute.

Tatsächlich könnte, wer DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER kennt, glauben, Regisseur Stephan Wagner habe die Story von der AKTE GENERAL bloß auf etwas betulicher und fernsehtauglicher fürs Abendprogramm umschreiben lassen, so ähnlich sind sich die Plots. Wieder geht es um den „Nazi-Jäger“ Bauer und die Suche nach Adolf Eichmann, wieder gibt es einen jungen Staatsanwalt, der zum Verräter wird und für den Bonner Geheimdienst, genauer gesagt das Bundeskriminalamt, Spitzeldienste leistet, wegen Bauers Kontakten nach Ostberlin. Wieder ist es Bauers angebliche Homosexualität, die herhalten muss, um die Geschichte interessanter zu machen und aufzupeppen: „Ich wünschte, die Richter hätten vor den Nazis genauso viel Angst, wie vor den Homosexuellen“, heißt es vielsagend zu Beginn aus Bauers Mund. Was man so vielsagend nennt, denn wieder fliegt der Verräter auf und Fritz Bauer muss erkennen, das er allein dasteht im Kampf gegen die Nazis und - in diesem Film - vor allem gegen Adenauers Staatssekretär Dr. Hans Globke.

In dem ganzen Intrigen- und Verwirrspiel wirkt der ständig rauchende Dr. Bauer verloren. Keine Person geschweige denn Persönlichkeit ist hinter der Hauptfigur wirklich erkennbar. Nur ab und an, in seltenen Originalzitaten, ist, anders als in DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER, der wahre Dr. Bauer erkennbar – und ein Schauspieler, der diesen weitaus besser erkannt hat, als sein Vorgänger in der Rolle.

Allein in der Oper in Frankfurt findet der durch rasche Filmschnitte noch getriebener wirkende Generalstaatsanwalt den nötigen Abstand vom Alltag. Nicht zuletzt, weil er dort von jungen Männern umgeben ist, die er auch gerne mal zu sich in die Wohnung einlädt. Es fehlt nicht der nackte Jüngling, der durch Bauers Junggesellenbehausung huscht, so schnell, dass den Flitzer leicht verpasst, wer aus Langeweile eine Sekunde lang in die Kartoffelchipschale greift.

Alles also nicht so schlimm, jedenfalls nicht so schlimm, wie in DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER, wo der junge Staatsanwalt aus Lust zum Verräter an Dr. Bauer wird und am Ende selbst im Gefängnis landet. In DIE AKTE GENERAL erteilt Bauers Ehefrau allen Beteiligten vorsorglich die Absolution. Sie hat mit der Vorliebe ihres Mannes für „junge Männer“ nämlich kein Problem, sagt sie, und schließlich versichert dieser selbst: „Alles nur platonisch. Ich bin Staatsanwalt.“ Und der betäubt seinen Kummer und vermeintliches Begehren – wir wissen es schon aus dem Vorgängerfilm - mit Rotwein und Tabletten.

Bleibt nur die Frage, was eigentlich der Kern der Story ist? Ist es der Mann hinter Adenauer, Dr. Globke, den Bauer im Kanzleramt bei seiner Jagd nach Eichmann aufsucht, während dieser ihn für einen „warmen Bruder“ hält und beobachten lässt? Der eignet sich nur leider so gar nicht zum Antihelden, ebenso wenig wie Adenauer, der in dem Film quasi ständig mit seinem „Freund Ben Gurion“ zu sprechen scheint und dabei immer nur hört, dass er alles richtig gemacht hat, bei der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit. Auch hier also ein bagatellisierender, die wirkliche Geschichte verharmlosender Ton.

In der Jüdischen Allgemeinen (18. Februar 2016) hat Jörg Taszman geschrieben, der Film sage alles (Bauer der Jude, Bauer der Sozialdemokrat und Emigrant, Bauer ist homosexuell), nur eines werde verschwiegen, nämlich was wir aus Ronen Steinkes Buch (Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht, 2013) über den Juristen erfahren haben sollen: dass Bauer ein zwiespältiges Verhältnis zum Judentum hatte.

Tatsächlich ist es genau umgekehrt.

Das Drama des Lebens von Fritz Bauer, der nicht im Geringsten ein zwiespältiges Verhältnis zum Judentum hatte, kommt weder in DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER noch in DIE AKTE GENERAL vor. Fritz Bauers Mut und seine Überzeugung werden in DIE AKTE GENERAL erneut durch banale Nebenschauplätze und Intrigenspiele verschleiert: sein aufopferungsvoller Kampf gegen den Antisemitismus, der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Bauers sozialdemokratische Überzeugung, sein „Kampf für des Menschen Rechte“ im KZ, im Exil und danach – sie harren weiter einer filmischen Darstellung, die den außergewöhnlichen Mut und die Stärke dieses Menschen sichtbar werden lässt.

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