DER DARMSTÄDTER EINSATZGRUPPEN-PROZESS 1965-1968 UND DER MASSENMORD IN BABIJ JAR


Einer jener "unglaublichen Vorfälle"       Die Einsatzgruppe C der Sicherheitspolizei und des SD       Sondereinsatzkommando 4a - Ermittlungen der Zentralen Stelle       Eröffnung der gerichtlichen Voruntersuchung März 1965       Beteiligung der Wehrmacht       Ermordung von Kindern       Der Prozess  Das Urteil       Anmerkungen und Literatur

Auch das wohl letzte größere Verfahren, das im Zuständigkeitsbereich von Generalstaatsanwalt Dr. Bauer geführt wurde, enthielt politischen Sprengstoff: Der vom Landgericht Darmstadt zwischen 1965 und 1968 geführte so genannte Darmstädter Einsatzgruppenprozess befasste sich mit den Massakern des Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C in der Sowjetunion, bei denen Zehntausende Menschen erschossen, erschlagen oder vergast wurden. (1)

Einer jener "unglaublichen Vorfälle"

Grausiger Höhepunkt war der Massenmord in Babij Jar bei Kiew, den der amerikanische Chefankläger Robert H. Jackson in seiner Anklage vor dem Nürnberger Militärtribunal als einen jener „unglaublichen Vorfälle“ bezeichnet hatte, für die er Beweise vorlegen werde. Er machte sein Versprechen wahr und zitierte aus den Berichten der SS-Einsatzgruppen, der paramilitärischen Einheiten, deren Aufgabe es war, hinter den deutschen Fronttruppen, alle Juden, Zigeuner und andere Gruppen zu töten, die als Feinde der Deutschen galten.

In Kiew wurden am 29. und 30. September 1941 33.711 Juden exekutiert. Das Massaker von Babij Jar war das größte überhaupt auf dem Gebiet der Sowjetunion und angeblich eine Vergeltungsmaßnahme für sowjetische Brandanschläge. Fritz Bauer brachte die Geschehnisse 25 Jahre später vor Gericht. Politisch brisant war der Prozess, weil hier erstmals in einem bundesdeutschen Gerichtsverfahren von der Mitwirkung der Wehrmacht an den Verbrechen der SS gesprochen wurde.

Dabei hatte die Kooperation von Wehrmacht und SS schon die Nürnberger Nachfolgeverfahren beschäftigt. Doch im Zuge des Kalten Krieges und der deutschen Wiederaufrüstung wurden die Kriegsverbrechen ausschließlich der SS zugeschrieben. Die unrühmliche Rolle der Wehrmacht überdeckte man seitdem mit dem Mantel des Schweigens. Sollten die Täter straflos ausgehen?

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Die Einsatzgruppe C der Sicherheitspolizei und des SD

An der Seite der Wehrmacht rückte von der ersten Stunde an auch die Einsatzgruppe C der Sicherheitspolizei und des SD in die Sowjetunion ein. Ihre Aufgabe war es, im von der 6. und 17. Armee besetzten Gebiet in der Ukraine die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung in die Wege zu leiten und systematisch Funktionäre der Kommunistischen Partei umzubringen, aber auch Patienten in Heil- und Pflegeanstalten sowie Sinti und Roma. Zur Einsatzgruppe C, die zunächst dem SS-Brigadeführer und Juristen Dr. Otto Rasch unterstand, zählten die Sondereinsatzkommandos 4a und 4b, sowie die Einsatzkommandos 5 und 6. Die blutige Spur des Sonderkommandos 4a führte von Sokal nach Kiew; das Massaker von Babij Jar war Höhe- aber nicht Endpunkt einer Exekutionswelle, der im Bereich der Einsatzgruppe C schätzungsweise 90.000 Menschen zum Opfer fielen.

Das Sondereinsatzkommando 4a entwickelte sich rasch zum zentralen Mordkommando der Einsatzgruppe, resultierend aus der besonderen Radikalität seines ersten Führers Paul Blobel. (2) Während Blobel im Juni 1951 in Landsberg am Lech hingerichtet wurde, entgingen die meisten Angehörigen des Sondereinsatzkommandos 4a, die mindestens 45.000 Menschen ermordet hatten, juristischer Verfolgung. Nicht wenige von ihnen arbeiteten nach 1945 wieder im Staatsdienst – bei der Polizei. Erst nach der Etablierung der Zentralen Stelle in Ludwigsburg wurden 1960 umfangreiche Ermittlungen gegen das leitende Personal der Einsatzgruppe C in die Wege geleitet. (3) Denn bis 1961 war kein Verfahren bei einer bundesdeutschen Staatsanwaltschaft anhängig; nur einer der Beschuldigten, der ehemalige stellvertretende Stapoleiter von Hannover, Friedrich Schmidt-Schütte, saß in Kiel wegen anderer Verbrechen in Haft.

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Sondereinsatzkommando 4a - Ermittlungen der Zentralen Stelle

In der zweiten Hälfte des Jahres 1964 kündigte sich eine Übernahme der weiteren Ermittlungen durch Hessen an. Zu diesem Zeitpunkt führte die Zentrale Stelle noch Vorermittlungen über die Massenexekutionen des Sondereinsatzkommandos 4a im Jahre 1941 an folgenden Orten: „Kiew 29. und 30.9.1941 (33.000 ermordete Juden) Shitomir Juli bis 19.9.1941 (4.500 Juden erschossen) Lucz, Juli 1941 (3.500 Juden exekutiert) Sokal 28.6.-31.6. (324 Personen erschossen) Berditschew Juli/August 1941 (148 Juden erschossen) Tschernjachow Juli 1941 (Festnahme sämtlicher männlicher Juden) Fastow August 1941 („Erschießung der gesamten Judenschaft“ im Alter von 12-60 Jahren) Radomyschel Judenaktion am 6.9.1941 (1.107 erwachsene und 561 jugendliche Juden erschossen) Perojeslaw am 4.10.41 Judenaktion durch Vorkommando des SK 4a, (Erschießung von 537 Juden, Männer, Frauen und Jugendliche) Jagotin 8.10.1941 125 Juden liquidiert [...] Charkow und Bjelala-Zerkow“.

Noch unbekannt war zu diesem Zeitpunkt das Ausmaß der vom Sondereinsatzkommando verübten Tötungen durch Kohlenmonoxyd in eigens konstruierten Gaswagen; und ebenso wenig wusste man noch von den Vernichtungsaktionen mit sowjetischer Sprengmunition. Einer der Beschuldigten in dem Ermittlungsverfahren war Kuno Callsen, wohnhaft in Neu-Isenburg in Hessen, was offenbar dazu führte, dass Generalstaatsanwalt Dr. Bauer das Verfahren an sich zog. Callsen, ehemaliger SS-Sturmbannführer, war während des Krieges Persönlicher Referent im Amt III des Reichssicherheitshauptamtes, also bei SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf, sowie Teilkommandoführer und zeitweise Vertreter von Paul Blobel. (4)

Bei Übernahme des Verfahrens durch den Frankfurter Generalstaatsanwalt richtete es sich nicht allein gegen das Sondereinsatzkommando 4a, sondern auch gegen Angehörige verschiedener anderer Einheiten. Dies hätte jedoch für die beauftragte Staatsanwaltschaft zu unüberschaubaren Ermittlungen geführt, so dass mit Unterstützung des Untersuchungsrichters und in Absprache mit der Zentralen Stelle einzelne Fälle abgetrennt und an außerhessische Verfolgungsbehörden abgeben wurden. Dabei war allerdings noch nicht absehbar, dass die Ermittlungen wieder einmal über die Grenzen Hessens der Bundesrepublik hinaus erstreckt werden müssten. Die Organisation der Ermittlungen, die Bauer im März 1965 gemäß § 145 übernahm, gestaltete sich wegen mangelnden Personals schwierig. Bauer beabsichtigte, die Eröffnung der Voruntersuchung beim Landgericht Darmstadt zu beantragen. Erst als die Staatsanwaltschaft zusätzliche Beamte bewilligt bekam, konnten die Ermittlungen im Frühjahr 1965 beginnen.

Das Verfahren blieb jedoch wegen seiner politischen Brisanz im Zuständigkeitsbereich des Generalstaatsanwalts. In Absprache mit Bauer wurde zugleich auch eine Sonderkommission des hessischen Landeskriminalamtes errichtet, die vor allem die Ermittlungen außerhalb Hessens durchführen sollte. Prekär war ferner, dass im Verlauf der Ermittlungen und nach den ersten Verhaftungen der Leiter der Sonderkommission, Kriminalmeister Walther, die Generalstaatsanwaltschaft darauf hinweisen konnte, dass Callsen beste Beziehungen zu leitenden Angehörigen des Wiesbadener Bundeskriminalamtes (BKA) pflegte, bei denen es sich um frühere Kollegen aus dem RSHA, der Reichskriminalpolizei und dem Sicherheitsdienst handelte. Der Prominenteste unter ihnen war der Leiter des BKA, der ehemalige SS-Führer Paul Dickopf.

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Eröffnung der gerichtlichen Voruntersuchung März 1965

Die Voruntersuchung wurde am 12. März 1965 gegen Kuno Callsen, Neu-Isenburg, und Friedrich Schmidt-Schütte, München, eröffnet. Die Angeklagten wurden beschuldigt, von Juni 1941 bis Oktober 1943 in der Sowjetunion aus Mordlust, niedrigen Beweggründen, heimtückisch und grausam Menschen getötet oder zur Begehung dieser Verbrechen wissentlich Hilfe geleistet zu haben. Die Anklage warf Callsen vor, neben dem ehemaligen Kommandoführer Blobel maßgeblich an der Planung und Durchführung zahlreicher Massentötungen beteiligt gewesen zu sein, „bei denen diese Einheit entsprechend der von Hitler, Himmler und Heydrich befohlenen Ausrottung [...] in einzelnen Ortschaften mitunter über 30.000 Menschen – zusammentrieb, an vorbereitete Massengräber führte und in Anwesenheit der später zu Tötenden reihenweise niederschoss, insbesondere folgende Exekutionen dieser Art zumindest zeitweilig geleitet oder sonst daran mitgewirkt zu haben:

1. Erschießungen von 1.160 Juden am 2.7.1941 in Luzk, 2. Von 30-50 Juden im Juli 1941 nahe Zwiahel 3. von 402 Juden am 7.8.1941 in Shitomir 4. etwa 8-10 Exekutionen von jeweils 30-40 Juden, Kommunisten oder versprengten sowjetischen Soldaten im August 1941 ebenfalls in Shitomir (Wehrmachtslager) 5. von 3.145 jüdischen Männern, Frauen und Kindern am 19.9.1941 wiederum in Shitomir 6. Tötung von 68 Personen, überwiegend Juden, im August 1941 in Bjelaja-Zerkow [sic] und 7. Von 33.771 Juden am 29. Und 30.9.1941 in der Babij Jar-Schlucht bei Kiew.“

Der Angeschuldigte Schmidt-Schütte gehörte von Herbst 1942 an ebenfalls dem Sonderkommando 4a als SS-Sturmbannführer an und führte diese Einheit ab Januar 1943. Er war hinreichend verdächtig, an den Vernichtungsaktionen des Sonderkommandos mitgewirkt und später Exekutionen auch selber geleitet zu haben. Ihm wurde die Tötung von etwa hundert jüdischen Häftlingen im Spätherbst in Kursk und von dreihundertsechzig Zivilisten im Sommer 1943 in Konotyp zur Last gelegt.

Die gerichtliche Voruntersuchung wurde am 18. Mai 1965 noch einmal auf weitere dreizehn Beschuldigte ausgedehnt. Bei einigen war zu diesem Zeitpunkt der Wohnort nicht bekannt; der SS-Sturmbannführer Theodor Christensen, Teilkommandoführer nach Blobel, war 1947 aus dem Internierungslager geflohen und verbarg sich unter dem Namen Fritz Ramm in Kassel, wo er 1988 starb. Die Einsatzkommando-Angehörigen – vom Teilkommandoführer und hohen Offizier bis zum Kraftwagenfahrer –, wurden ebenfalls wegen Mordes im Sinne § 211 StGB angeschuldigt, begangen „durch mehrere selbständige Handlungen, teils allein, teils gemeinschaftlich“. Der Ablauf der Mordaktionen konnte genau beschrieben werden, da die Zentrale Stelle ausgesprochen umfangreiche Vorermittlungen geführt und in den Archiven ausreichend Aktenmaterial über den Einsatz des Sondereinsatzkommando 4a vorlag.

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Beteiligung der Wehrmacht

Eindeutig war dabei die Einwilligung und Mitwirkung der Wehrmacht, wie aus der folgenden Schilderung hervorgeht:

„Seine Vernichtungsaktionen führte das Sonderkommando 4a in der Regel etwa folgendermaßen durch: Die jüdischen Einwohner und kommunistischen Funktionäre wurden in den einzelnen besetzten Ortschaften – oftmals durch Vorkommandos – mit Hilfe von Dolmetschern, vielfach auf Hinweise aus der Bevölkerung, ermittelt und an Sammelplätzen zusammengefasst oder von Wehrmachtsdienststellen auf Grund des sogenannten ‚Kommissarbefehls’ überstellt. Mitunter lockte man die späteren Opfer durch Plakatanschläge, die eine ‚Umsiedlung‘ ankündigten, zu den Sammelplätzen oder bildete Ghettos, in die die jüdischen Einwohner zunächst geschlossen eingewiesen wurden, um sich dadurch die möglichst lückenlose Erfassung zu erleichtern. Währenddessen hoben zumeist Angehörige einer bald nach dem Einmarsch der deutschen Truppen aufgestellten einheimischen Miliz an geeignet erscheinenden Stellen eine oder mehrere große Gruben aus, die das Massengrab der Opfer werden sollten. An anderen Orten wählte man als Exekutionsstätte Schluchten oder Geländeeinschnitte, deren Ränder nach der vollzogenen Massenerschießung kurzerhand abgesprengt wurden, so dass das herabfallende Erdreich die Leichen unter sich begrub.”

Durch Befragung zahlreicher Zeugen, unter denen sich allerdings nur sehr wenige Überlebende befanden, hatte man auch Details über die so genannten Gaswagen eruiert. Die fünf oder sechs mobilen Tötungsinstrumente wurden offenbar auch eingesetzt, weil sich die Einsatzgruppe mit der Durchführung der Massenerschießungen überfordert sah. (5) Sie wiesen allerdings zahlreiche technische Mängel auf, so dass die Erschießungen unverändert weitergingen. So heißt es in einem Bericht vom Ersten Staatsanwalt Dr. Uhse vom Mai 1965 über den Einsatz der Gaswagen: „Zumindest in Poltawa und Charkow setzte das Sonderkommando 4a auch einen oder zwei Gaswagen ein. Es handelte sich um große Fahrzeuge mit luftdichtem Kastenaufbau, die einem Möbelwagen ähnelten. Unter der Vorspiegelung eines Transportes zum Arbeitseinsatz oder einer Umsiedlung veranlasste man jeweils ungefähr zwanzig Personen zum Einsteigen, bis die Opfer die Ladefläche dicht gedrängt füllten. Danach wurden die Türen verriegelt. Während der anschließenden Fahrt leitete der Führer des Kraftfahrzeuges die giftigen Abgase bin das Innere des Wagenaufbaues, so dass die Insassen einen qualvollen Tod erlitten.”

Alle Beschuldigten wurden bis auf den vorher gewarnten Christensen, der unauffindbar blieb, und den noch nicht zu lokalisierenden Gaswagenfahrer SS-Oberscharführer Wilhelm Findeisen am 25. Mai 1965 verhaftet. Die meisten Angeschuldigten machten mehr oder minder abwehrende Aussagen, verkleinerten ihre Mitwirkung oder schoben die Verantwortung auf den hingerichteten Paul Blobel oder die Wehrmacht. In Anbetracht von so viel Gleichgültigkeit einerseits und der Grausamkeit der Massaker andererseits war es verwunderlich, dass überhaupt ein Beschuldigter partiell Verantwortung zu übernehmen schien, jedenfalls menschliche Regungen zeigte: August Häfner, ein ehemaliger SS-Obersturmführer, der unter anderem die Ermordung der jüdischen Bevölkerung der Stadt Bjelaja-Zerkow, einer Kreisstadt etwa achtzig Kilometer südwestlich von Kiew, durchgeführt hatte, bei der die Kinder zunächst verschont geblieben waren.

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Ermordung von Kindern

Bis Ende August 1941 hatten einige SS- und Polizeieinheiten Frauen und Kinder bei den Vernichtungsaktionen übergangen. Die Ermordung der neunzig jüdischen Kinder in Bjelaja-Zerkow – im Alter zwischen wenigen Wochen und acht Jahren – sowie die Rolle der Wehrmacht dabei, sollten neben den Morden von Babij Jar bei der Gerichtsverhandlung in Darmstadt vom Spätherbst 1967 an großes Aufsehen erregen. Die Kinder der Ermordeten waren in einem Gebäude außerhalb der Stadt, bewacht von ukrainischen „Hilfswilligen“, untergebracht worden. Soldaten, die in der Nähe des Gebäudes lagerten und in der Nacht das Wimmern der Kinder hörten, informierten zwei Kriegspfarrer, diese wiederum die Divisionspfarrer der gerade am Ort stationierten 295. Infanterie-Division. Die Kriegspfarrer sahen nach und fanden die Kinder im eigenen Kot liegend und ohne jegliches Wasser. Daraufhin machten sie bei Oberstleutnant Helmuth Groscurth Meldung. (6)

Groscurth gehörte zum militärischen Widerstand um Wilhelm Canaris und Hans Oster und war 1941 1. Generalstabsoffizier der 295. Infanteriedivision unter Generalleutnant Herbert Geitner, die zur Heeresgruppe Süd gehörte. Bei der Besichtigung des Gebäudes am 20. August 1941 sah Groscurth die vollkommen verdreckten und vor Hunger den Mörtel von den Wänden kratzenden Kinder, die im Laufe des Tages erschossen werden sollten. Drei Lastwagenladungen waren bereits am Vorabend weggeschafft, die Kinder exekutiert worden. Groscurth versuchte, die Mordaktion aufzuhalten und wandte sich an den Oberbefehlshaber der 6. Armee, Generalfeldmarschall Walter von Reichenau. Reichenau, ein radikaler Nationalsozialist und Antisemit, entschied jedoch, „daß die einmal begonnene Aktion in zweckmäßiger Weise durchzuführen sei“. (7)

Pro forma hatte Reichenau zusätzlich angeordnet, dass noch am gleichen Vormittag ein Vertreter seines Armee-Oberkommandos zusammen mit dem Führer des SS-Sonderkommandos 4a, Blobel, nach Bjelaja-Zerkow gehen sollte, um die Verhältnisse zu prüfen. Hauptmann Friedrich Luley, der Vertreter Reichenaus, bezeichnete Groscurths Meldung als unnötige Einmischung; Feldkommandant Josef Riedl hielt die Ausrottung der jüdischen Frauen und Kinder für dringend erforderlich, der eigens einbestellte SS-Standartenführer Blobel warf Groscurth Schnüffelei vor und drohte, dass Kommandeure, die solche Maßnahmen aufhielten, selbst das Kommando der Exekutions-Truppe zu übernehmen hätten.

Am Nachmittag des 22. August, nachdem Wehrmachtsangehörige die Gruben ausgehoben und die Kinder zur Erschießungsstelle gebracht hatten, wurden diese von SS-Obersturmführer Häfner, das heißt von einer Abteilung ukrainischer Hilfswilliger, erschossen. (8)

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Der Prozess

Am 2. Oktober 1967 begann vor dem Darmstädter Schwurgericht die Hauptverhandlung gegen Callsen und andere. Der zur Verfügung stehende Saal erwies sich infolge der zahlreichen Angeklagten und ihrer Verteidiger als viel zu klein. Auch das Interesse der Presse war enorm. Die beiden örtlichen Tageszeitungen, das Darmstädter Echo und das Tageblatt, wetteiferten mit detaillierter Berichterstattung, die Bauer, folgt man seinen Anstreichungen, bis zu seinem Tod intensiv rezipierte. Besonders die kritischen Berichte von Richard H. Weber vom Echo fanden seine Aufmerksamkeit.

Was Bauer dort lesen konnte – die Äußerungen des Angeklagten betreffend –, war ein tief deprimierender Einblick in wütenden Judenhass, Zeugnis für Mitleidlosigkeit, Korruption, aber auch bedingungslosen Gehorsam ohne Reue und ohne jede Reflexion. In dem Prozess wurde vor allem deutlich, dass es sich gegen die Sowjetunion nicht um einen „normalen Feldzug“, sondern um einen brutalen Vernichtungskrieg gehandelt hatte. Die Zeitungsberichterstatter zeigten sich erschüttert: „Das Schrecklichste, was ich je gesehen habe – Beweisaufnahme im SK-4a-Prozeß – Zeuge beging Selbstmord“, schrieb das Darmstädter Tageblatt am 28. November 1967 und das Darmstädter Echo titelte am 14. November 1967: „Verbrecher werden – oder sich drücken“.

Intensiv wurde die Frage diskutiert, ob die Wehrmachtsführung den Mord in Babij Jar oder Bjelaja-Zerkow befohlen hatte, seitenweise konnten die Leser die Abläufe von Massenexekutionen verfolgen: „Das war ein grauenhaftes Bild. Am Kopfende der 60 bis 80 Meter langen Grube lagen schon mehrere Schichten Leichen übereinander, und in der Grube regte es sich noch [...] Tuch schmorte und es roch nach verbranntem Fleisch. In der Grube regte sich noch Leben [...] ich sah einen liegen, der schrie, ‚macht mich kaputt!’ und während von vorne noch geschossen wurde, stieg ich hinunter in die Grube“ (Darmstädter Echo, 9.11.1967).

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Das Urteil

Fritz Bauer erlebte den Richterspruch im Callsen-Prozeß, bei dem die „unglaublichen Vorfälle“ von Babij Jar 20 Jahren danach zur Sprache kamen, nicht mehr.

Kuno Callsen wurde wegen Beihilfe zum Mord (in fünf Fällen) zu 15 Jahren Zuchthaus, August Häfner (in vier Fällen) zu 9 Jahren Zuchthaus, Kurt Hans (in fünf Fällen) zu 11, Adolf Janssen (in zwei Fällen) zu 11 Jahren, Alexander Riesle (in einem Falle) zu 4 Jahren, Victor Woithon (in zwei Fällen) zu 7 Jahren, Christian Schulte (in zwei Fällen) zu 4 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus verurteilt. Bei den Angeklagten Georg Pfarrkircher (angeschuldigt in drei Fällen), Ernst Consee (angeschuldigt in fünf Fällen) und Victor Trill (angeschuldigt in zwei Fällen) wurde gemäß § 47, Absatz II des Militärstrafgesetzbuches von der Bestrafung abgesehen.

Das Blutbad von Babij Jar, der Mord an den Kindern von Bjelaja-Zerkow, die Deportationen der bulgarischen, der griechischen und der ungarischen Juden in die Vernichtungslager Auschwitz und Treblinka, der Krankenmord, die „ungesühnte Nazi-Justiz“… ganz gleich: die Mitwirkenden an den grauenhaften Massenmorden wurden wegen Beihilfe verurteilt, keiner von ihnen sollte Täter gewesen sein.

Am Ende fragt man sich, ob es nicht ein Glück war, dass Fritz Bauer den Ausgang, das enttäuschende Ergebnis von vielen Jahren arbeitsintensiver Ermittlungen, nicht mehr erleben musste? Er selber hätte dies vermutlich verneint. Denn sein primäres Ziel war die Aufklärung der Gesellschaft darüber, dass es sich auch beim kleinsten Mitwirkenden an der Mordmaschinerie um einen Täter handelte. Jeder Angehörige der SS-Wachmannschaft in Auschwitz, so hatte er gesagt, war Täter oder Mittäter, weil er den Zweck der Todesfabrik kannte. War es anders in Babij Jar, in den Tötungsanstalten der NS-„Euthanasie“, bei den Deportationen aus Bulgarien, Griechenland, Ungarn?

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Anmerkungen und Literatur

(1) Vgl. Irmtrud Wojak, Fritz Bauer (1903-1968). Eine Biographie. München: C. H. Beck, 2008, S. 419ff. detaillierter über die hier beschriebene Tötungsaktion.
(2) Dieter Pohl, „Die Einsatzgruppe C“, in: Peter Klein (Hrsg.), Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD. Berlin 1997, S. 71-87, hier S. 82.
(3) Dieter Pohl, „Die Einsatzgruppe C“, in: Peter Klein (Hrsg.), Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD. Berlin 1997, S. 71-87, hier S. 83.
(4) Ernst Klee, Willi Dreßen und Volker Rieß (Hrsg.), „Schöne Zeiten“. Judenmord aus Sicht der Täter und Gaffer. Frankfurt/M. 1988, S. 256.
(5) Dieter Pohl, „Die Einsatzgruppe C“, in: Peter Klein (Hrsg.), Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD. Berlin 1997, S. 71-87, hier S. 76.
(6) Nicholas Stargardt, „Maikäfer flieg!“ Hitlers Krieg und die Kinder. München 2006, S. 178.
(7) Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Verbrechen der Wehrmacht, Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. 2. durchgesehene und ergänzte Aufl. Hamburg 2002, S. 605.
(8) Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Verbrechen der Wehrmacht, Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. 2. durchgesehene und ergänzte Aufl. Hamburg 2002, S. 598-605.

* * * 

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Helmut Krausnick, Hans-Heinrich Wilhelm, Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938-1942. Stuttgart 1981.

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Dieter Pohl, „Schauplatz Ukraine: Der Massenmord an den Juden im Militärverwaltungsgebiet und im Reichskommissariat 1941-1943“, in: Norbert Frei, Sibylle Steinbacher und Bernd Wagner (Hrsg.), Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit. Neue Studien zur nationalsozialistischen Lagerpolitik. München 2000, S. 135-173.

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